„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Montag, 9. April 2018

Das Licht des Glaubens

1. Glaube als Argumentationsmodus
2. Glaube als Vernunft
3. Glaube als Sinnesorgan
4. Glaube als Kommunikationsform: persönliches Angesprochensein
5. Glaube als Kommunikationsform: Vermittlung
6. Glaube als Kommunikationsform: Nächstenliebe
7. Glaube als Unterwerfung
8. Glaube als Unglaube
9. Glaube als Reinheit

Nicht nur die Gläubigen bilden eine Einheit, für die lumen fidei die Metapher vom „Bild des Leibes“ (Nr.22) verwendet. Auch der Glaube duldet keine Vielfalt; wohlgemerkt: keine Vielfalt, die sich nicht in einer Vielfalt von Glaubensartikeln äußert, insgesamt 245 Dogmen, wenn ich recht orientiert bin. Noch in seiner Zeit als Großinquisitor hatte der letzte Papst darauf bestanden, daß man nicht Christ sein könne, wenn man nicht fest und unbeirrbar an jede einzelne dieser Dogmen glaube. Die meisten Gläubigen kennen wahrscheinlich die wenigsten von all diesen Dogmen. Aber natürlich versuchen sie ihr Möglichstes, an alle zu glauben; auch an die, die sie nicht kennen.
Auch in lumen fidei heißt es: „Da der Glaube einer ist, muss er in seiner ganzen Reinheit und Unversehrtheit bekannt werden. Gerade weil alle Glaubensartikel in Einheit verbunden sind, kommt die Leugnung eines von ihnen, selbst von denen, die weniger wichtig erscheinen, der Beschädigung aller gleich.“ (Nr.48)
Und da auch, wie erwähnt, die Gläubigen eine Einheit bilden, einen empfindsamen und verletzlichen Leib, versäumt Benedikt (vermutlich) nicht zu ergänzen: „Den Glauben zu beschädigen bedeutet, der Gemeinschaft mit dem Herrn Schaden zuzufügen.“ (Nr.48) – Wieso klingt das in meinen Ohren wie eine Drohung?

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Sonntag, 8. April 2018

Das Licht des Glaubens

1. Glaube als Argumentationsmodus
2. Glaube als Vernunft
3. Glaube als Sinnesorgan
4. Glaube als Kommunikationsform: persönliches Angesprochensein
5. Glaube als Kommunikationsform: Vermittlung
6. Glaube als Kommunikationsform: Nächstenliebe
7. Glaube als Unterwerfung
8. Glaube als Unglaube
9. Glaube als Reinheit

Nicht jeden spricht Gott persönlich an. Das ist eher den Mystikern und den Mittlern, den Propheten, vorbehalten. Aber sogar die Mystiker sprechen gelegentlich vom „Geheimnis des verborgenen Antlitzes“, das lumen fidei als „Einladung“ an all die (noch) Ungläubigen interpretiert, „sich der Quelle des Lichtes zu öffnen, indem man das Geheimnis eines Angesichts respektiert, das sich auf persönliche Weise und zum richtigen Zeitpunkt offenbaren will.“ (Vgl.Nr.13)

Der Unglaube der Ungläubigen ist lumen fidei zufolge nur ein scheinbarer Unglaube. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Form des unbewußten Glaubens, den all diejenigen Menschen bezeugen, die noch auf der Suche sind. So rechtfertigt also noch der Unglaube der Ungläubigen den Glauben der Gläubigen. Denn die Ungläubigen sind „bereits, ohne es zu wissen, unterwegs zum Glauben“. (Vgl. lf, S.52)

Die Ungläubigen versuchen, das Richtige zu tun, ohne an Gott glauben zu können. Indem sie aber trotzdem das Richtige tun wollen, versuchen sie so zu handeln, „als gäbe es Gott“. (Vgl.Nr.35)

Ich gebe zu, daß ich theologisch nicht auf dem Laufenden bin. Ich weiß also nicht, auf wen diese Formel „als gäbe es Gott“ zurückzuführen ist; ob sie von Benedikt selbst stammt oder schon eine lange kirchengeschichtliche Tradition hat. Aber zufälliger Weise kenne ich die Anti-These zu dieser Formel, wie sie von Dietrich Bonhoeffer stammt. Bonhoffer geht es darum, daß die Christen nach ihrem Versagen im Dritten Reich nicht mehr einfach so ihren Gott verkünden können, als hätte es Auschwitz nie gegeben. Anstatt daß also die Nicht-Christen so leben sollen, „als gäbe es Gott“, sollen vielmehr die Christen so leben, „als gäbe es keinen Gott“.

Bei Bonhhoeffer sind es nicht etwa die Ungläubigen, die sich den Christen ‚gleichgestalten‘ sollen, sondern die Christen, die sich den Ungläubigen ‚gleichgestalten‘ sollen. Denn da sie es als Christen nicht richtig gemacht hatten und es zugelassen hatten, daß ‚Gott‘ in den Vernichtungslagern millionenfach gemordet wurde, will sich dieser Gott von ihnen nicht mehr verkünden lassen. Nun müssen sie es, so Bonhoeffer, auf andere Weise versuchen, richtig zu machen, als gäbe es keinen Gott, um sich wieder das Recht zu erwerben, von ihm reden zu dürfen.
PS (09.08.2013): Von Tiemo R. Peters habe ich folgende Korrektur zu Bonhoeffer erhalten: „Dass Bonhoeffer bereits eine Theologie ‚nach Auschwitz‘ entworfen hätte, ist allerdings nicht richtig; und dass er der Meinung gewesen sei, die Christen müssten Gott verkünden ‚etsi deus non daretur‘, auch nicht. Bonhoeffer wollte die mündige Welt ernst nehmen und stark machen und die Christen dazu bewegen, mit dieser Welt zu kommunizieren, ohne Privilegien, ohne erkenntnistheoretische Vorbedingungen, also unter Voraussetzung ihrer neuzeitlichen Methodik (des ‚etsi deus non daretur‘). Aber die Verkündigung selbst sollte/musste auch für ihn unter der Bedingung des ‚etsi deus daretur‘ geschehen – eine Erfindung Benedikts, in Anlehnung an, besser Ablehnung von Hugo Grotius, von dem das gewichtige ‚non‘ stammt. ‚Vor und mit Gott leben wir ohne Gott‘ (DBW 8, 534). D.h. vor und mit dem biblischen Gott muss die Theologie, müssen die Christen mit einer Welt ‚ohne Gott‘ sprechen, ohne in ihre Denkvoraussetzungen hineinzureden, aber ‚mit‘ der ganzen Gottesinnigkeit, die gerade einem Bonhoeffer zu eigen war. Das ist das Problem der Theologie nicht erst seit Benedikt, der die Vernunft eben doch wieder religiös vereinnahmt und dadurch weit hinter Bonhoeffer und die Aufklärung zurück fällt.“
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Samstag, 7. April 2018

Das Licht des Glaubens

1. Glaube als Argumentationsmodus
2. Glaube als Vernunft
3. Glaube als Sinnesorgan
4. Glaube als Kommunikationsform: persönliches Angesprochensein
5. Glaube als Kommunikationsform: Vermittlung
6. Glaube als Kommunikationsform: Nächstenliebe
7. Glaube als Unterwerfung
8. Glaube als Unglaube
9. Glaube als Reinheit

Das Hören des Wortes Gottes ist mit „Gehorsam“ verbunden. (Vgl.Nr.29) Zum „Gehorsam“ wiederum gehört die vollständige Unterwerfung des eigenen Verstandes und Willens:
„Dem offenbarenden Gott ist der ‚Gehorsam des Glaubens‘ ... zu leisten. Darin überantwortet sich der Mensch Gott als Ganzer in Freiheit, indem er sich dem offenbarenden Gott mit Verstand und Willen voll unterwirft und seiner Offenbarung willig zustimmt.“ (Nr.29, Fußnote 23)
Wie aber ‚offenbart‘ sich dieser Gott, dem sich der Gläubige unterwerfen soll? Drei Kommunikationsformen kommen nach dem Zeugnis der Bibel für die Offenbarung in Betracht: die persönliche Anrede durch Gott, die Nächstenliebe und die Vermittlung durch eine besonders „kundige“ und „glaubwürdige“ Autorität. (Vgl.Nr.18) Auf solche Autoritäten sind vor allem diejenigen Gläubigen angewiesen, denen die Gnade einer persönlichen Anrede durch Gott versagt geblieben ist. Und die ‚Offenbarung‘, die uns in der Nächstenliebe begegnet, hat es an sich, daß sie nicht sehr beredt ist und sich damit begnügt, wenn wir dem Nächsten in seiner Not beistehen.

Um sich mit seinem Verstand und seinem Willen der Offenbarung Gottes unterwerfen zu können, bedarf es eines ausgefeilten Gesetzeswerkes, das uns im Detail eine bestimmte Lebensführung verordnet. Und es sind vor allem Gottes Mittler, allen voran Moses, die uns dieses von Gott geoffenbarte Gesetzeswerk vorlegen. Wenn den Gläubigen dieser Mittler abhanden kommt, so kommt ihnen auch der Glaube abhanden, wie man an den Israeliten sehen kann, die aufgrund der langen Abwesenheit von Moses nicht mehr wissen, was sie glauben sollen und sich deshalb ein goldenes Kalb erschaffen. Sie demonstrieren damit weiterhin ihre bedingungslose Bereitschaft zur vollständigen Unterwerfung, nur eben an die falsche Adresse gerichtet. Das ist die „Versuchung des Unglaubens“. (Vgl.Nr.13)

Weil Gott also dazu neigt, sein Antlitz zu verbergen (vgl.Nr.13) und sich damit kaum jemand persönlich angesprochen fühlen kann, bedarf es des Mittlers und der vollständigen Unterwerfung des eigenen Verstandes und des eigenen Willens, und das auch noch „willig“. In völliger Freiheit soll sich der Gläubige seiner Freiheit entledigen. Wie der Konzilstext vom zweiten Vaticanum ergänzt, ist diese Freiwilligkeit „ohne die zuvorkommende und helfende Gnade Gottes und ohne den inneren Beistand des Heiligen Geistes“ nicht möglich. (Vgl.Nr.29, Fußnote 23) Eine gewisse persönliche Ansprache durch Gott bleibt also doch unverzichtbar.

Für diejenigen aber, vor denen sich das „Antlitz Gottes“ hartnäckig und dauerhaft verbirgt, gilt, daß diese Verborgenheit als Einladung zu verstehen ist, „sich der Quelle des Lichtes zu öffnen, indem man das Geheimnis eines Angesichts respektiert“, das, so das Versprechen, „sich auf persönliche Weise und zum richtigen Zeitpunkt offenbaren will“. (Vgl.Nr.13) – Ein befristeter Denkverzicht, der im Falle der Offenbarung dann in einen endgültigen Denkverzicht umgewandelt werden kann.

Jeder ist also dazu aufgerufen, seinen Verstand auszuschalten: die Gläubigen, indem sie sich vollständig und willig der Offenbarung und ihren Vermittlern unterwerfen, und die Ungläubigen, indem sie das Geheimnis respektieren und es nicht mutwillig in Frage stellen. Überall Denkverbote. Niemand ist davon ausgenommen.

Kant hat für diese Freiheit, von seiner Freiheit nicht nur keinen Gebrauch zu machen, sondern auch noch ‚willig‘ auf sie zu verzichten, ein Wort: selbstverschuldete Unmündigkeit.

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Freitag, 6. April 2018

Das Licht des Glaubens

1. Glaube als Argumentationsmodus
2. Glaube als Vernunft
3. Glaube als Sinnesorgan
4. Glaube als Kommunikationsform: persönliches Angesprochensein
5. Glaube als Kommunikationsform: Vermittlung
6. Glaube als Kommunikationsform: Nächstenliebe
7. Glaube als Unterwerfung
8. Glaube als Unglaube
9. Glaube als Reinheit

Von der Nächstenliebe ist explizit nur an einer Stelle in lumen fidei die Rede. Dabei wird aber eher eine Verbindung zur Gerechtigkeit als zur Barmherzigkeit hergestellt. (Vgl.Nr.51) Im weiteren Verlauf dominieren die Themen Familie und Gemeinschaft. Daß Jesus seine Nächsten nicht in der Familie gesehen hat, sondern bei den am Rande der Gesellschaft Stehenden gesucht hat, kommt erst im letzten Kapitel der Enzyklika zur Sprache, das wohl von Franziskus stammt und nicht von Benedikt. In diesem Kapitel werden Franz von Asissi und Teresa von Kalkutta erwähnt, die sich um Leprakranke und Arme kümmerten. (Vgl.Nr.57)

Ansonsten gibt es ohne expliziten Verweis auf die Nächstenliebe im ganzen Text der Enzyklika verstreute Hinweise: „Im Glauben dehnt sich das Ich des Glaubenden aus, um von einem Anderen bewohnt zu sein, um in einem Anderen zu leben, und so weitet sich sein Leben in der Liebe.“ (Nr.21) – Aber diese Formulierung ist zweideutig. Sie beinhaltet sowohl eine Ethik wie auch eine Enteignung. Jesu Gebot, daß wir den Nächsten lieben sollen wie uns selbst, wird in dieser Formulierung nicht zum Ausdruck gebracht.

Oder: „Gott kann nicht auf einen Gegenstand reduziert werden. Er ist der Handelnde, der sich zu erkennen gibt und sich zeigt in der Beziehung von Person zu Person.“ (Nr.36) – Diese Formulierung kommt dem Gebot der Nächstenliebe am nächsten: Nächstenliebe ist Gottesliebe, ohne daß ein Mittler dazwischen treten muß. Auch Jesus wollte nur in der Person des Entrechteten und Verachteten begegnet werden. Wer sich den am Rande der Gesellschaft Stehenden zuwendet, so Jesus, wendet sich ihm zu. Nicht um die Gemeinschaft der weißen Schafe, sondern um das der Gemeinschaft verlorengegangene schwarze Schaf wollte sich Jesus zuallererst kümmern.

Das kommt auch in einer Formulierung zum Ausdruck, wie sie wohl von Franziskus stammt: „Der Glaube lehrt uns zu sehen, dass in jedem Menschen ein Segen für mich gegeben ist, dass das Licht des Antlitzes Gottes mich durch das Gesicht des Bruders erleuchtet.“ (Nr.54) – Daß beim Wort ‚Bruder‘ nicht der Gemeinschaftsgedanke im Vordergrund steht, sondern es gerade um diejenigen geht, die von dieser Gemeinschaft ausgeschlossen sind, hat Franziskus gezeigt, als er die schiffbrüchigen Elendsflüchtlinge auf Lampedusa besuchte.

Die Zuwendung zu den Ausgestoßenen und Entrechteten, wie sie dem Jesuanischen Liebesgebot entspricht, hat nichts mit Missionierung zu tun. Es geht hier nicht um deren „Gesinnung“ (Nr.21). Sie müssen nicht auf den rechten Weg geführt werden. Es geht nur darum, ihnen zu helfen.

Bei den in den letzten Posts diskutierten drei Kommunikationsformen des persönlichen Angesprochenseins, der Vermittlung und der Nächstenliebe haben wir es mit zwei Kommunikationsformen zu tun, in denen der Glaube keiner Vermittlungsautorität bedarf. Über beide Kommunikationsformen wird in lumen fidei vergleichsweise wenig gesagt, am wenigsten über die Nächstenliebe. Die Nächstenliebe wird eigentlich nur angedeutet und nicht systematisch entfaltet.

Wenn von „Liebe“ die Rede ist, handelt es sich vor allem um eine geistige Liebe, deren bevorzugter Dialogpartner die griechische Philosophie ist. (Vgl.Nr.32) Die Liebe ist vor allem eine Sache der Vernunft und die Vernunft wiederum eine Sache der Lehrautorität der Kirche, der sich der Gläubige hörend und gehorsam zuwendet. Davon mehr im folgenden Post.

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Donnerstag, 5. April 2018

Das Licht des Glaubens

1. Glaube als Argumentationsmodus
2. Glaube als Vernunft
3. Glaube als Sinnesorgan
4. Glaube als Kommunikationsform: persönliches Angesprochensein
5. Glaube als Kommunikationsform: Vermittlung
6. Glaube als Kommunikationsform: Nächstenliebe
7. Glaube als Unterwerfung
8. Glaube als Unglaube
9. Glaube als Reinheit

Während die Kommunikationsform der persönlichen Anrede den Glauben als eine mystische Liebesbeziehung darstellt, die keines Umwegs über ein anderes Du oder ein gemeinschaftliches Wir bedarf, sieht das bei der Kommunikationsform als Vermittlung ganz anders aus. Als Kommunikationsform schwankt sie zwischen Exklusivität und Inklusivität. ‚Wir‘ sind alle diejenigen, die dazugehören. Die, die dazugehören, müssen nicht unbedingt wollen, daß auch die, die nicht dazu gehören, dazugehören sollten. Sie können allerdings auch ganz wild darauf sein, möglichst alle miteinzubeziehen, daß auch bloß keiner außen vor bleibt.

Was aber ganz und gar nicht geht, ist, daß sich innerhalb der Gemeinschaft Einzelne absondern, so, als könnten sie ganz gut auf diese Gemeinschaft verzichten. In dem Buch „Monotheismus und die Sprache der Gewalt“ (2006) zeigt Jan Assmann, wie sich gerade die Liebesrhetorik vom „eifersüchtigen Gott“ am grausamsten gegen die zur eigenen Gemeinschaft gehörenden Gläubigen richtet. Und im Dienste dieses eifersüchtigen Gottes stehen gerade die großen Mittlerfiguren wie z.B. Moses (vgl.Nr.14), der, als er vom Berg Sinai herabkam und sah, wie die Israeliten um ein goldenes Kalb herumtanzten, jeden von ihnen töten sollte. Nur ein Stellvertretermord an einem mit einer Andersgläubigen verheirateten Israeliten konnte diesen Massenmord verhindern. (Vgl. Assmann 2006, S.34f.)

Das ist der Glaube, der der ‚Vermittlung‘ bedarf, d.h. der Autoritäten, die in einer besonderen Beziehung zu Gott stehen. In lumen fidei werden hier vor allem Moses, Jesus und Petrus genannt. Wobei Jesus wiederum eine besondere Mittlerfunktion innehat, da er als Sohn Gottes besonders kompetent darin ist, uns Gott zu erklären. (Vgl.Nr.18)

In lumen fidei wird nun ungeachtet dessen, was in der Enzyklika sonst noch über den Glauben als persönliche Anrede durch Gott zu lesen ist, kein Zweifel daran lassen, daß der eigentliche, echte Glaube immer nur ein Glaube in der Gemeinschaft der Gläubigen sein kann, also innerhalb der Autorität der Kirche:
„Es ist unmöglich, allein zu glauben. Der Glaube ist nicht bloß eine individuelle Option, die im Innersten des Glaubenden geschieht, er ist keine isolierte Beziehung zwischen dem ‚Ich‘ des Gläubigen und dem göttlichen ‚Du‘, zwischen dem autonomen Subjekt und Gott.“ (Nr.39)
‚Vermittlung‘ meint also nicht nur, daß es einzelne Autoritäten gibt, die besonders „kundig“ und „glaubwürdig“ sind „in den Dingen Gottes“. (Vgl.Nr.18) Sie meint auch, daß der Glaube aller Gläubigen über das „Lehramt“ (Nr.36) der Kirche, als dem eigentlichen „glaubenden Subjekt“ (ebenda) mit dem Papst an der Spitze, vermittelt ist. Die Gläubigen sind nach dem „Bild des Leibes“ (Nr.22) ein Leib. (Vgl.Nr.48)

Vermittlung bedeutet also „Gleichgestaltung“ (Nr.21), wobei es einem schwerfällt, den Gleichklang dieses Wortes mit ‚Gleichschaltung‘ zu ignorieren. Es geht darum, nicht mit den eigenen Augen zu sehen und nicht mit dem eigenen Verstand zu denken, sondern die Gläubigen sollen „mit den Augen Jesu sehen, seine Gesinnung haben, seine Kind-Vater-Beziehung teilen“ (ebenda), wobei die Augen Jesu natürlich inzwischen zu den Augen der Kirche geworden sind und seine ‚Gesinnung‘ – hatte Jesus eine Gesinnung? – zur Gesinnung der Kirche, und an die Stelle der Beziehung des Kindes zum Vater ist längst die des Gläubigen zur Kirche getreten. Alles das wird als „Liebe“ bezeichnet, als „Fähigkeit“, „an der Sicht des anderen teilzuhaben“. (Vgl.Nr.14)

Dieser vermittelte Glaube ist zugleich ein vermittelnder Glaube. Er meint kein exklusives, sondern ein inklusives „Wir“: „Der Glaube ist keine Privatsache, keine individualistische Auffassung, keine subjektive Meinung, sondern er geht aus einem Hören hervor und ist dazu bestimmt, sich auszudrücken und Verkündigung zu werden.“ (Nr.22) – Aus diesem Hören geht also keine persönliche Antwort auf das von Gott kommende Du hervor (vgl.Nr.8), sondern ein allgemeines Werben und Missionieren.

Von Nächstenliebe ist hier nirgends die Rede. Der Mittler richtet sich nicht an den Nächsten, es sei denn, um ihn für den wahren Glauben zu gewinnen. Und auch der Gläubige richtet seine ganze Aufmerksamkeit nur auf den Mittler. Daß er dieses Mittlers aber eigentlich gar nicht bedarf, dafür steht die Nächstenliebe. Denn der Nächste ist derjenige, dessen Gesinnung wir nicht kennen müssen, um unser Nächster zu sein.

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Mittwoch, 4. April 2018

Das Licht des Glaubens

1. Glaube als Argumentationsmodus
2. Glaube als Vernunft
3. Glaube als Sinnesorgan
4. Glaube als Kommunikationsform: persönliches Angesprochensein
5. Glaube als Kommunikationsform: Vermittlung
6. Glaube als Kommunikationsform: Nächstenliebe
7. Glaube als Unterwerfung
8. Glaube als Unglaube
9. Glaube als Reinheit

In der Folge geht es um den Glauben als Kommunikationsform. In lumen fidei lassen sich insgesamt drei verschiedene Kommunikationsformen unterscheiden: als persönliches Angesprochensein, als Vermittlung und als Nächstenliebe. Diese drei verschiedenen Kommunikationsformen werden in lumen fidei nicht aufeinander abgestimmt. Sie werden einzeln und ohne Bezug aufeinander thematisiert, wobei es zu erheblichen Widersprüchen in der mit ihnen verbundenen Qualität des Glaubens kommt.

Die erste Kommunikationsform, auf die ich hier eingehen möchte, ist die des persönlichen Angesprochenseins: „Der Glaube ist die Antwort auf ein Wort, das eine persönliche Anrede ist, auf ein Du, das uns bei unserem Namen ruft.“ (Nr.8) – Wir haben es hier mit einer exklusiven Verbindung des einzelnen Gläubigen mit seinem Gott zu tun. Wer von Gott angesprochen wird, ist ausschließlich diesem Gott verpflichtet. Er ist von allen anderen Rücksichtnahmen der Welt und den Menschen gegenüber befreit. Über das Hören führt der Glaube in den absoluten Gehorsam. (Vgl.Nr.29)

Mit dem Hören des Wortes Gottes ist sogar ein ausdrückliches Vermittlungsverbot verknüpft:
„Mose sagt zum Volk, dass Gottes Gebot weder zu hoch noch zu weit entfernt für den Menschen ist. Man darf nicht sagen: ‚Wer steigt für uns in den Himmel hinauf und holt es herunter?‘ oder ‚Wer fährt für uns über das Meer und holt es herüber?‘ ...“ (Nr.20)
Wer auf das persönliche Hören des Wortes Gottes verzichtet und sich auf die Lehrautorität von Glaubensführern verläßt, hat sich schon von diesem persönlichen Gott, von dem Gott, der uns in unserer innersten Persönlichkeit anspricht, abgewandt.

In lumen fidei wird die ausschließliche Liebesbeziehung zwischen dem Gläubigen und Gott mit einem schwebenden, diese Kommunikationsform ständig begleitenden Generalverdacht versehen, daß sich der Gläubige in ihr vor der Gemeinschaft der Kirche – und damit ist immer auch die Autorität der Kirche gemeint – verschließt. Und aus dieser Verschlossenheit muß er befreit werden:
„Wenn es sich aber bei der Wahrheit um die Wahrheit der Liebe handelt, wenn es die Wahrheit ist, die sich in der persönlichen Begegnung mit dem Anderen und den anderen erschließt, dann ist sie aus der Verschlossenheit in den Einzelnen befreit und kann Teil des Gemeinwohls sein.“ (Nr.34)
Also persönliches Angesprochensein ist ja so weit gut und schön, aber letztlich droht hier, wie auch sonst überall heutzutage, die volle Wahrheit nur auf die „subjektive Authentizität des Einzelnen reduziert“ (Nr.34) zu werden. Ohne Kirche soll und darf es eben einfach nicht gehen.

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Dienstag, 3. April 2018

Das Licht des Glaubens


1. Glaube als Argumentationsmodus
2. Glaube als Vernunft
3. Glaube als Sinnesorgan
4. Glaube als Kommunikationsform: persönliches Angesprochensein
5. Glaube als Kommunikationsform: Vermittlung
6. Glaube als Kommunikationsform: Nächstenliebe
7. Glaube als Unterwerfung
8. Glaube als Unglaube
9. Glaube als Reinheit

„Wer glaubt, sieht ...“ (Nr.1), heißt es in lumen fidei. In der ganzen Enzyklika fehlt der Hinweis auf den ungläubigen Thomas und das mit ihm verbundene Lob Jesu für die nicht-sehenden Gläubigen. Überhaupt ist es interessant, welche Glaubenszeugen in lumen fidei nicht genannt werden. Nirgendwo ist von Hiob die Rede. Dafür um so mehr von Abraham, dem Vater des Glaubens. Einen krasseren Gegensatz kann man sich kaum vorstellen als den zwischen Hiob und Abraham, dem aufmüpfigen, verzweifelten Gottesankläger und dem demutsvollen, opferbereiten, letztlich resignierenden Abraham. Denn der Vater des Glaubens resigniert: anstatt sich seinem grausamen Gott entgegenzustellen, willigt er in die Aufopferung seines Sohnes ein.

Nur wer sieht und hört, so lumen fidei, kommt zum wahren Glauben. Dabei wird zwischen diesen Sinnesorganen differenziert. Wer sieht, der sieht die ganze Wahrheit, wie von einem erhöhten Standpunkt aus. (Vgl.Nr.29) Er befindet sich in einer Gegenüberstellung, fast schon auf Augenhöhe mit dem Gegenüber. Er kann beurteilen, was geschieht, und sich auf diese Weise „in den großen Plan Gottes ein()reihen“ (vgl. ebenda). Wer sieht, darf seinen Verstand gebrauchen.

Nicht so wer hört. Denn wer hört, ist zum „Gehorsam“ aufgerufen. (Vgl.Nr.29) Von ihm wird „Nachfolge“ erwartet. (Vgl. ebenda) Er wird ganz „persönlich“ angesprochen, ohne zu wissen, woher die Stimme kommt, die ihn anspricht. Wer von Gott angesprochen wird, von dem wird erwartet, daß er sich ihm unterwirft. Wem sich Gott hingegen zeigt, im brennenden Dornbusch, im Antlitz eines Notleidenden, der wird als Gegenüber anerkannt. Von ihm wird etwas anderes erwartet als eine Unterwerfung.

Beide Sinnesorgane, Auge und Ohr, Licht und Wort, spielen in der Bibel lumen fidei zufolge eine Rolle. Das Gesicht ist nicht weniger biblisch als das Gehör. Das Gesicht ist kein ausschließliches Erbstück der Griechen. (Vgl.Nr.29)

Doch es sind nicht die Sinnesorgane selbst, die den Glaubensbezug ermöglichen. Das Licht und das Wort kommen von woanders her. Sie bilden keine natürliche, sondern eine „übernatürliche Tugend, die er uns einflößt“. (Vgl.Nr.7) Es gibt einen Unterschied zwischen ‚Intuition‘ und ‚Glaube‘. Die Intuition kommt aus den Tiefen unseres Leibes, aus dem Herzen. Der Glaube hingegen kommt von Gott. Die ursprünglichere Quelle ist aber das Herz, weil sie nicht von woanders her sprudelt. Sie ist eine natürliche Gabe.

Lumen fidei leugnet das. Für die Enzyklika ist nicht das menschliche Herz die ursprünglichste Quelle unserer Intuitionen, sondern Gott. (Vgl.Nr.4 u.ö.) Zwar ist auch in lumen fidei viel und oft vom Herzen die Rede, als „Mitte des Menschen, wo alle seine Dimensionen – Leib und Geist, die Innerlichkeit der Person sowie seine Öffnung für die Welt und die anderen; Verstand, Wille und Gefühlsleben – miteinander verflochten sind“ (Nr.26), aber es wird in seiner Leiblichkeit nicht ernstgenommen. Es darf keine eigene natürliche Quelle von Intuitionen sein. Es muß Sitz des Übernatürlichen sein.

Der natürlichen Tugend des Herzens und der Sinnesorgane wird nicht getraut. Sie bedürfen der Aufrüstung durch das Licht des Glaubens, so wie die rationalen Wissenschaften sich ihrerseits Apparaturen anvertrauen, weil sie den leiblichen Sinnen entweder nichts zutrauen oder sie ihnen nicht weit genug reichen, um den gestiegenen Ansprüchen einer zunehmend unmenschlicher werdenden Welt zu genügen.

Der Gläubige hat also seine eigene übernatürliche Empfänglichkeit für das Wort und für das Licht. Diese Empfänglichkeit ist eine Gottesgabe und nichts für diejenigen, die in den Grenzen ihrer Leiblichkeit befangen bleiben und die sich mit ihren Intuitionen begnügen müssen, ohne ihnen die übernatürliche Weihe des Glaubens zusprechen zu können.

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