„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Freitag, 21. Juli 2017

Skulptura Münster 2017

4. Jahrmarktseffekte

Meine Schwester beschrieb mir ihre Eindrücke von einigen Skulpturen, die sie im Rahmen einer Führung kennenlernte; u.a. folgenden:
„Auf der Dachterasse des Theaters hingen mehrere Kabel, an deren Ende Schalter/Knöpfe angebracht waren. Jeder kann sie betätigen und dann unterschiedliche Videos/Einzelbilder betrachten. Besonders witzig fand ich, dass im Fenster eines Gebäudes, das man von der Dachterasse aus sehen konnte, verschiedene kurze Videosequenzen auftauchten, sobald man einen bestimmten Knopf drückte. Es erschien eine Frau im Fenster, die zu uns auf der Terasse herüberwinkte. Beim nächsten Drücken auf den Schalter nahm sie einen Fotoapparat und schien genau uns zu fotografieren, dann wieder hob sie ein Schild hoch, auf dem gut lesbar eine kurze Botschaft geschrieben war.“
Der ‚Witz‘ dieser Inszenierung ist genau das Problem. Meine Schwester fühlte sich zurecht gut unterhalten. Denn letztlich geht es um Unterhaltung, um Entertainment. Nichts gegen gute Unterhaltung. Aber worin liegt das künstlerische Surplus?

Edmund Husserl beschreibt, wie er beim Besuch eines Panoptikums einer automatischen Puppe begegnete, die ihm zuzwinkerte. Zunächst hatte er sie für einen echten Menschen gehalten. Ich kann mir vorstellen, wie er zögerte: Soll ich zurückzwinkern? Soll ich diese zweifelhafte Geste (und Dame) ignorieren? Aber auch als er die ganze Sache durchschaut hatte, fiel er trotz besseren Wissens immer wieder in die Illusion zurück, es mit einem wirklichen Menschen zu tun zu haben. Hans Blumenberg hat zu dieser Szene geschrieben, daß Jahrmarktseffekte, in denen inszenierte Situationen mit der Realität konkurrieren, niemals Kunst sein können.

Ich denke, das gilt auch heute noch.

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Donnerstag, 6. Juli 2017

Ernst Peter Fischer, Treffen sich zwei Gene. Vom Wandel unseres Erbguts und der Natur des Lebens, München 2017

1. Acht Argumente gegen den genetischen Determinismus
2. Genotyp und Phänotyp: Strukturalität und Phänomenalität
3. Exkurs
4. Genotyp und Phänotyp: Entwicklungsebenen
5. Technologischer Determinismus
6. Ethik, Wissenschaftskritik und Medienschelte

Ernst Peter Fischers Buch ist von Anfang bis Ende von ethischen Reflexionen durchzogen, zu denen auch eine gute Portion Wissenschaftskritik gehört. Immer wieder deutet der Autor den ethischen Hintergrund sogar der Naturwissenschaften an, wenn er z.B. Parallelen zwischen den Biowissenschaften und der Alchemie zieht:
„Vor dem Hintergrund der aktuellen Biowissenschaften wird deutlich, dass die Alchemie keinesfalls ein Relikt aus der Mottenkiste der Wissenschaftsgeschichte ist.“ (Fischer 2017, S.251)
Die auffälligste Parallele besteht natürlich in der Homunkulus-Problematik. Der Gedanke der Menschenzüchtung ist in der modernen Reproduktionsmedizin zentral, wird noch einmal durch CRISPR-Cas9 verstärkt und durch das Gene-Drive in Richtung auf die Möglichkeit eines Genocids in sein Gegenteil pervertiert. (Vgl. Fischer 2017, S.241ff.) Im Rahmen seines Vergleichs zwischen Biowissenschaften und Alchemie verweist deshalb Fischer auch auf den auffälligsten Unterschied:
„Sie (die Alchemie – DZ) war vielmehr damit beschäftigt, etwas zu befreien, das in den Stoffen und Formen vorgegeben war. Die Alchemisten folgten der Natur, um sie zu vollenden und dadurch zu befreien. (Wer hierin den Grundgedanken einer Pädagogik entdeckt, die in Kindern wachrufen will, was in ihnen schläft, könnte recht haben.) Die moderne Form der Naturwissenschaft geht anders vor. Ihr Wahlspruch lautet: Wissen ist Macht, und das bedeutet, dass man die Gesetze der Natur mit dem Ziel ihrer Unterwerfung ergründen soll.“ (Fischer 2017, S.253f.)
Die Differenz zwischen der Alchemie und der modernen Naturwissenschaft besteht also darin, daß die Alchemie die Natur vollenden wollte, indem sie, wie es weiter heißt, ihr „Innere(s)“ „befreien“ wollte (vgl. ebenda), während die moderne Naturwissenschaft nur auf technologische Unterwerfung aus ist. Fischers Hinweis in der Klammer auf die pädagogische Qualität dieses alchemistischen Vorhabens zeigt, daß es sich bei diesem Natur-Inneren nicht nur um ein genetisches Innen handelt – in dem Sinne wie Fischer an anderer Stelle meint, daß sich die gegenwärtigen technologischen Innovationen von der äußeren Welt ab- und der inneren, menschlichen Natur zuwenden (vgl. Fischer 2017, S.186) –, sondern um eine expressive Verhältnisbestimmung von Innen und Außen, in der wir unsere individuelle „Einzigartigkeit“ zum Ausdruck zu bringen versuchen (vgl. Fischer 2017, S.290f.).

Beide Male geht es um Vollkommenheit: um vollkommene Selbstverwirklichung (sowohl der Natur wie des Menschen) auf Seiten der Alchemie oder um vollkommene Unterwerfung (sowohl der Natur wie des Menschen) auf Seiten der heutigen Technologie. Und Fischers Position ist an dieser Stelle eindeutig: Wir sollen, so fordert er uns auf, nein zu der technologischen Unterwerfung sagen. (Vgl. Fischer 2017, S.291)

Fischers Impetus ist also über weite Teile seines Buches wissenschaftskritisch. Dann aber erfolgt gegen Ende des letzten Kapitels eine erstaunliche Wende, in der das bisherige reflexive Niveau abflacht. Mit Bezug auf eine Äußerung von Carl Friedrich von Weizsäcker (1882-1951), in der dieser die Wissenschaft für die Folgen ihres Tuns verantwortlich macht (vgl. Fischer 2017, S.295), leugnet Fischer genau das: Er lehnt jede Verantwortung ‚der‘ Wissenschaft ab, indem er durchaus korrekt argumentiert, daß die Wissenschaft keine „Person“ sei „und nur Menschen ... moralische Verantwortung übernehmen (können)“. (Vgl. Fischer 2017, S.295) Mit dieser Feststellung beginnt eine Apologie der Wissenschaft, deren Niveau weit unter allem liegt, was Fischer bislang in seiner eigenen vorangegangen Wissenschaftskritik an den Tag gelegt hatte.

Zunächst bleibt festzuhalten, daß es natürlich richtig ist, daß ‚die‘ Wissenschaft, losgelöst von den konkreten Menschen, die sie betreiben, selbstverständlich keine verantwortliche Instanz ist. Wissenschaftliche Forschung ist in diesem Sinne wertfrei und kann Gutes wie Schlechtes bewirken. Aber Wissenschaft wird nun mal von Menschen betrieben, und diese sind tatsächlich für das, was sie können, für ihre Expertise verantwortlich gegenüber der Öffentlichkeit. Die gesellschaftliche Öffentlichkeit bildet den transdisziplinären Hintergrund jeder wissenschaftlichen Forschung.

Es ist ja gerade die Expertise der Wissenschaftler, die genau die technologischen Innovationen ermöglicht, zu denen die anderen, wissenschaftlich nicht ausgebildeten Menschen, die Laien, nein sagen können sollen, wie Fischer selbst fordert. Und es sind natürlich auch nicht zuletzt die Interessen der Wirtschaft, die mittels eigener Forschung und Sponsoring die Richtung der wissenschaftlichen Forschung mitbestimmen. Zurecht heißt es in einer „Stellungnahme der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Deutschen Akademie für Naturforscher“, die Fischer durchaus zustimmend zitiert:
„Denn Forscher haben aufgrund ihres Wissens, ihrer Erfahrung und ihrer Freiheit eine besondere ethische Verantwortung.“ (Fischer 2017, S.305)
Inwiefern kann man also zwischen ‚Wissenschaft‘ und ‚Wissenschaftlern‘ differenzieren? Was ist mit jenen exponierten Neurowissenschaftlern, wie Wolf Singer und Gerhard Roth, die 2004 ein „Manifest“ veröffentlichten, in dem Geist, Bewußtsein, Gefühle, Willensakte und Handlungsfreiheit summarisch als biologische Prozesse deklariert werden und das damit genau jene Neigung der Laien, sich durch das „bereitwillige() Akzeptieren von neurowissenschaftlichen Befunden“ an die Leine legen zu lassen, bestärkt? (Vgl. Fischer 2017, S.311f.) Ist es nicht genau die Autorität ‚der‘ Wissenschaft, die das Verhalten dieser Wissenschaftler in den Augen der gläubigen Laien unangreifbar macht?

Während sich Fischer also gegen eine spezifische Verantwortung der Wissenschaft und mit ihnen der Wissenschaftler wendet, nimmt er dafür umso mehr eine ominöse ‚Öffentlichkeit‘ für ihre ‚Verantwortung‘ in Haftung, und dabei unterscheidet er überhaupt nicht mehr zwischen ‚der‘ Öffentlichkeit und den einzelnen konkreten Menschen, wie er das bei ‚der‘ Wissenschaft tut. Vielmehr attackiert er die Verantwortungslosigkeit ‚der‘ Öffentlichkeit, als wäre sie eine Person: ‚die‘ Öffentlichkeit kann sich nämlich ‚empören‘ und ein, natürlich wissenschaftsfeindliches, „Tribunal“ bilden. (Vgl. Fischer 2017, S.300) Außerdem ist ‚die‘ Öffentlichkeit selbstherrlich und arrogant, denn sie „spielt offenbar gern – mithilfe mancher Medien und populistischer Philosophen – so etwas wie den lieben Gott“. (Vgl. ebenda) – An dieser Stelle darf natürlich auch die jederzeit beliebte Medienschelte nicht fehlen, denn zumindestens ‚manche‘ von ihnen, so Fischer, beteiligen sich an diesem unfreundlichen, gegen die Wissenschaft gerichteten ‚Spiel‘.

Es ist dem Rezensenten völlig unerfindlich, woher plötzlich diese Aggressivität kommt, mit der Fischer insbesondere über die Gentechnik-Kritiker herfällt. (Vgl. Fischer 2017, S.232f.) Möglicherweise hängt sie mit dem Wahlsieg Donald Trumps in den USA zusammen und mit dem gegenwärtigen Siegeszug eines wissenschaftsfeindlichen Populismusses überall in Europa. Aber das sollte man nun wirklich nicht einfach alles in einen Topf werfen, zumal es wiederum Fischer selbst ist, der, nachdem er seine polemische Attacke beendet hat, selbst wieder auf die Gefahren einer unreflektierten Gentechnologie hinweist. So sei es bei der gentechnischen Behandlung der „Alzheimer-Demenz“ (Fischer 207, S.241) wichtig, sich hier nicht nur auf das hohe Alter zu konzentrieren, sondern den gesamten Lebenslauf eines Menschen miteinzubeziehen, um erstmal herauszufinden, „was die Alzheimer-Sequenzen hier beitragen, bevor man seine editorischen Fähigkeiten an ihnen probiert“ (vgl. Fischer 2017, S.264). Denn möglicherweise sind genau diese Sequenzen für den jüngeren Menschen überlebenswichtig und zeigen erst im Alter ihre persönlichkeitszerstörenden Wirkungen. Und hätte es in grauer Vorzeit schon die Gentechnik gegeben, die es unseren Vorfahren ermöglicht hätte, die Sichelzellenanämie zu heilen, wären wohl viele ihrer Nachkommen der Malaria zum Opfer gefallen, gegen die die Sichelzellenanämie immunisiert. (Vgl. Fischer 2017, S.258f.) Auch die Anwendung des „Gene-Drive“ bei der Ausrottung der Malaria-Mücke bedarf einer umsichtigen Klärung der ökologischen Folgen, da sich die Frage stellt, welche Effekte das auf die Biodiversität hätte. (Vgl. Fischer 2017, S.243)

Kritik an der Gentechnik ist also gerechtfertigt und läßt sich nicht einfach mit irrationalen Ängsten und Abneigungen gleichsetzen, wie Fischer es tut. (Vgl. Fischer 2017, S.232f.) Sicher sind wir mehr denn je auf gentechnische Erkenntnisse angewiesen, wenn es darum geht, eine „wachsende Menschheit“ zu ernähren. (Vgl. Fischer 2017, S.233) Aber essentieller als die Gentechnik ist die Notwendigkeit einer fundamentalen Verhaltensänderung, zu der auch eine veränderte Einstellung des Menschen zur Fortpflanzung gehört. Wenn Elephanten dazu in der Lage sind, in Notzeiten weniger Nachwuchs zur Welt zu bringen und so ihre Populationsgröße zu regulieren, sollten auch wir Menschen das können.

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Mittwoch, 5. Juli 2017

Ernst Peter Fischer, Treffen sich zwei Gene. Vom Wandel unseres Erbguts und der Natur des Lebens, München 2017

1. Acht Argumente gegen den genetischen Determinismus
2. Genotyp und Phänotyp: Strukturalität und Phänomenalität
3. Exkurs
4. Genotyp und Phänotyp: Entwicklungsebenen
5. Technologischer Determinismus
6. Ethik, Wissenschaftskritik und Medienschelte

Das Gen wurde lange Zeit als „fest umrissene Struktur“ auf den Chromosomen im Zellkern einer Zelle (vgl. Fischer 2017, S.181) und als „Kausalfaktor“, der die Entwicklung eines Organismusses steuert (vgl. Fischer 2017, S.146), verstanden. Dieses deterministische Verständnis von Genen wurde im Verlauf des 20. Jhdts. so populär, daß es, wie Fischer schreibt, zu einem „inflationäre(n) Gebrauch des Wortes“ führte:
„In den Medien und im Gespräch werden Gene beispielsweise verantwortlich gemacht für Blutkrankheiten, Krebs, Aggression, Neugierde, Untreue, Sprache, Intelligenz, Haarfarbe, Leseschwäche, Alkoholismus, Homosexualität, Musikalität, Schizophrenie, Langlebigkeit, Augenfarbe, Mordlust, Altruismus, Egoismus, Glücksfähigkeit und Assistentendasein.“ (Fischer 2017, S.15)
Inzwischen sprechen viele Gründe gegen eine solche Auffassung vom Gen (vgl. meinen Post vom 01.07.2017):
„Natürlich ist die klassische Auffassung von Genen als klaren Kausalfaktoren mit festem Ort und sauber definierten Aufgaben mit den meisten neuen Kenntnissen nicht mehr vereinbar.“ (Fischer 2017, S.143)
Stattdessen sei es besser, das Gen als einen „dynamischen Prozess“ zu verstehen, wie Fischer die Biologin Kirsten Schmidt zitiert. (Vgl. Fischer 2017, S.15) Fischer selbst schlägt in Anspielung auf den aristotelischen „unbewegten Beweger“ vor, das Gen als „bewegte(n) Beweger“ zu bezeichnen. (Vgl. Fischer 2017, S.144) Es ist Fischer zufolge auch nicht mehr sinnvoll, sich das Gen als vom Rest des Zellgeschehens isoliert vorzustellen, im Sinne eines Informationsspeichers, der seine Informationen unverändert bewahrt, ungeachtet dessen, was um ihn herum passiert. Das ‚Gen‘ umfaßt vielmehr das Gesamt der Zellaktivitäten:
„Das Gen als dynamisches Geschehen in der Zelle löst zwangsläufig eine wirbelnde und wabernde Vorstellung aus, bei der Gene Proteine machen, die Gene machen, die Proteine machen, die Gene machen, die Proteine machen, und man würde allmählich gern wissen, wo da Anfang und Ende sind. Vielleicht kann man so etwas gar nicht finden und sollte sich eher endlose Schleifen und Kreisläufe im Innern der Zelle vorstellen ...“ (Fischer 2017, S.96f.)
Fischer bezeichnet den Kreislauf aus Genen und Proteinen auch als „infinitesimal“, in Anlehnung an die Mathematik, um damit die Anfang- und Endlosigkeit der zellulären Genesen zu illustrieren und gleichzeitig zu erklären, warum man sie dennoch ‚berechnen‘ und technologisch beeinflussen kann:
„So kann auch die in der Fachwelt als Infinitesimale bezeichnete mathematische Größe beliebig klein werden, und man kann mit ihr präzise rechnen. Wenn in philosophischen Texten von der Berechenbarkeit der Welt die Rede ist, dann meinen die Gelehrten damit den Umgang der Wissenschaft mit dem Infinitesimalen, dem die Moderne folglich ihre entscheidende Prägung verdankt.“ (Fischer 2017, S.97)
Die Infinitesimale ist keine „ontologische Größe“, sondern bezeichnet einen Prozeß des Verschwindens (vgl. Fischer 2017, S.97), wie ihn Fischer auch auf das Gen bezieht, das wie das Atom in dem Moment, wo man es zu zählen begann, vor den Augen der Wissenschaftler verschwand. Fischer vergleicht das Gen also mit „Größen“, „die es nicht als solides, sondern nur als dynamisches Etwas gibt und die sogar verschwinden können, wenn sie ihre Schuldigkeit getan haben“. (Vgl. Fischer 2017, S.96)

Damit bleibt eigentlich nur noch das „Ende des Gen-Determinismus“ zu konstatieren, der, wie Fischer schreibt, das „Ende des Atom-Determinismus“ wiederholt. (Vgl. Fischer 2017, S.145) Doch stattdessen findet das Gegenteil statt: die Menschen halten am Gen-Determinismus fest. Sie haben eine seltsame „Vorliebe“ „für die Unfreiheit“, wie Fischer irritiert feststellt:
„Viele Menschen zeigen eine merkwürdige Angst vor der Freiheit. Das offenbart sich unter anderem auch in dem bereitwilligen Akzeptieren von neurowissenschaftlichen Befunden, die bei ihnen dadurch Zweifel an der Freiheit des Willens wecken, dass sie ein vor der eigentlichen Handlung eintretendes Bereitschaftspotenzial nachweisen. Als ob der Mensch vollkommen frei wäre und etwa auf Essen und Atmen verzichten könnte.“ (Fischer 2017, S.312)
Wir haben es hier offensichtlich mit der von Immanuel Kant beschriebenen selbstverschuldeten Unmündigkeit zu tun:
„Viele Zeitgenossen lassen sich und andere gern an die genetische Leine legen, um den eigenen Müßiggang oder das persönliche Versagen auf Biologisches abzuwälzen und jede Verantwortung von sich weisen zu können, weil es so schön bequem ist.“ (Fischer 2017, S.311)
Der Glaube an den Determinismus schützt die Menschen also davor, Verantwortung für ihr Leben übernehmen zu müssen. Darin werden sie durch die Wissenschaft selbst unterstützt, die mit den neuen Verfahren des „Gene-Editing“ (Fischer 2017, S.241) den alten Gen-Determinismus in Form eines neuen Gen-Technologie-Determinismusses wieder aufleben läßt. Mit anderen Worten: standen Technologien früher für mehr Freiheit der Menschen, so verwandeln sie sich jetzt im Gefolge des Perfektionsdrangs, wie Fischer schreibt, in eine „Vollkommenheit in Unfreiheit“. (Vgl. Fischer 2017, S.254)

Was soll die neue Gen-Technologie nicht alles ermöglichen! Fischer zitiert ausführlich Jennifer Doudna, die Entdeckerin von CRISPR:
„2016 hat Jennifer Doudna in einem TED-Beitrag über CRISPR gesprochen. Darin hat sie dringend von unüberlegten Eingriffen in die Gene mit ihrer Methode abgeraten und empfohlen, auf Geschäfte damit zu verzichten. Während ihrer Präsentation warf sie das Bild eines Babys an die Wand und erklärte an dessen Körperteilen, an welchen Stellen sich das Gene-Editing optimierend einsetzen lässt. Man kann ein geringeres Risiko für die Alzheimer-Demenz, den Brustkrebs und einen Schlaganfall anstreben, man kann ein perfektes Sehvermögen, das absolute Gehör und hohe Intelligenz auf die genetische Wunschliste setzen, man kann die Körperlänge beeinflussen, und manches mehr. Jennifer Doudna forderte aber die Biotechniker auf, mit diesen Anwendungen zurückhaltend zu sein, bis zum einen die Technik ausreichend erforscht ist und sich zum anderen ein Konsens in ethischen Fragen abzeichnet.“ (Fischer 2017, S.241)
Es ist absurd: Gerade eben beginnt man sich in der Wissenschaft ernsthaft darauf zu einigen, daß es keinen Gen-Determinismus gibt, da ermöglicht genau diese Wissenschaft einen Gen-Determinismus in Form der Gen-Technologie. Was die ‚Gene‘ selbst nicht können, nämlich das Erscheinungsbild und das Schicksal eines Individuums kausal zu determinieren, – genau das wird dem Gene-Editing zugetraut, und zwar bis hin zu so gleichermaßen komplexen wie fundamentalen Bewußtseinsqualitäten wie der Intelligenz.

Dabei gerät in Vergessenheit, daß wir es auch hier wieder nur mit einer Statistik, also mit Wahrscheinlichkeiten zu tun haben. Stattdessen füttern die Wissenschaftler sowohl mit ihren Versprechen wie auch mit ihren Warnungen die deterministischen Erwartungen von ehrgeizigen ‚Eltern‘, die ihre ‚Sprößlinge‘ in verbesserte Ausgaben ihrer selbst verwandeln möchten.

Natürlich geht es Jennifer Doudna darum, genau davor zu warnen! Das ist der Grund, daß sie einen Aufschub für das Gene-Editing fordert, um vorher einen „Konsens in ethischen Fragen“ anstreben zu können. Dennoch glaubt auch sie an die gentechnologische Machbarkeit von Intelligenz, obwohl es ebenso wenig eine allgemein anerkannte Definition für Intelligenz wie eine für Gene gibt. (Vgl. meinen Blogpost vom 30.10.2015)

Auch Fischer hakt hier nicht nach und läßt die problematische Verbindung von Genen und Intelligenz unhinterfragt so stehen. Ihn stört vor allem, daß die Gentechnologie Menschen die gentechnischen Instrumente in die Hand gibt, über das Leben anderer Menschen zu bestimmen. Fischer argumentiert dabei von der menschlichen ‚Seele‘ aus. Die Seele eines Menschen, so Fischer, besteht in dessen Einzigartigkeit:
„Menschen müssen einzigartig erscheinen, um von Mitmenschen eine Seele zugewiesen zu bekommen ...“ (Fischer 2017, S.290
Die Gentechnologie setzt aber „maßgeschneiderte Kinder in die Welt“, was sie ihrer Einzigartigkeit, ihrer „Unverwechselbarkeit“ und damit ihrer Seele beraubt. (Vgl. Fischer 2017, S.291) Fischer fordert, „nein zu dem Streben nach Vollkommenheit zu sagen“:
„Dazu gehört das große Nein zum Eingreifen in das Leben der Anderen, die eine Gemeinschaft ausmachen“. (Fischer 2017, S.291)
Dabei versäumt Fischer es allerdings, die Wissenschaft in die Verantwortung zu nehmen. Ganz im Gegenteil lehnt er eine solche Verantwortung der Wissenschaft für ihre Forschung explizit ab. Dazu mehr im nächsten Post.

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Dienstag, 4. Juli 2017

Ernst Peter Fischer, Treffen sich zwei Gene. Vom Wandel unseres Erbguts und der Natur des Lebens, München 2017

1. Acht Argumente gegen den genetischen Determinismus
2. Genotyp und Phänotyp: Strukturalität und Phänomenalität
3. Exkurs
4. Genotyp und Phänotyp: Entwicklungsebenen
5. Technologischer Determinismus
6. Ethik, Wissenschaftskritik und Medienschelte

Ernst Peter Fischer nimmt die von Heisenberg angesprochene „Persistenz von Gestalten“ zum Anlaß, Entwicklung nicht mehr einseitig von genetischen ‚Atomen‘, sondern vom Ganzen des biologischen Organismusses her zu denken:
„Menschen kommen nicht durch ein genetisches Programm zu ihrem Dasein, wohl aber durch ihre Geschichte, zu der auch die Gene gehören und beitragen. Es wäre schön, könnten Menschen die Fesseln ablegen, die sie sich im Gefolge der molekularbiologischen Triumphe und reduktionistischen Erklärungen allzu gern haben anlegen lassen.“ (Fischer 2017, S.313)
Dabei macht Fischer verschiedene Entwicklungsebenen auf, die er als „Evo-Devo“ zusammenfaßt: als kosmische und biologische Evolution und als individuelle Entwicklung (Development). (Vgl. Fischer 2017, S.183ff.) Während die kosmische Evolution mit dem Urknall beginnt und zunächst chaotisch, also planlos verläuft, wird die biologische Evolution ‚kreativ‘: sie hat einen ‚Plan‘, weil sie wiedererkennbare, einander ähnliche und trotzdem unterschiedliche Phänotypen generiert. Die biologische Evolution ist also teleologisch ausgerichtet. Explizit sinnorientiert bzw. zielgerichtet ist schließlich die individuelle Entwicklung und das individuelle Handeln:
„Die Evolution bringt nämlich keine Menschen hervor, sondern den Vorgang, durch den Menschen entstehen können. Die Bewegung der Evolution generiert die Bewegung der Entwicklung – aus Evo kommt Devo, und beide hängen zusammen. Dieser Prozess unterscheidet sich auf eine wohldefinierte Weise von der (kosmischen – DZ) Evolution. Die Entwicklung verläuft nämlich nicht mehr ganz ohne Plan. ... Der noch langsamen Evolution entwächst die rascher werdende Entwicklung, die sich in sich wandelt und zuletzt ein Organ – das Gehirn – hervorbringt, dessen Formation immer stärker von der Wechselwirkung mit der sinnlich zugänglichen Welt bestimmt wird.“ (Fischer 2017, S.184)
Fischer denkt hier also kosmische, biologische und individuelle Entwicklungsprozesse als eine große zusammenhängende Entwicklung, die von der anfänglichen Planlosigkeit zu zunehmender Planmäßigkeit verläuft und sich dabei beschleunigt, so wie das expandierende Weltall (vgl. Fischer 2017, S.309). Zugleich faßt Fischer diese Evolution als einen Prozeß der „Verinnerlichung“, zum einen in Richtung auf das Gehirn als einem ‚inneren‘ Organ des Menschen (vgl. Fischer 2017, S.184). Man könnte hier also auch von einer Vergeistigung des Entwicklungsprozesses sprechen. Zum anderen faßt er diese Verinnerlichung aber auch als eine Umkehrung der technologischen Ökonomie von ‚außen‘ nach ‚innen‘:
„In dieser Sicht der Welt ist die wirtschaftliche Produktion eine hoch entwickelte Form der Bewegung, die schon deshalb viel Aufmerksamkeit bekommt, weil sie durch Menschen hindurchgegangen ist und aus ihnen herausgefunden hat. Dabei ist etwas völlig Neues entstanden, nämlich eine menschengemachte Natur ... die künftige Richtung der Bewegung scheint jedoch nach innen zu gehen.“ (Fischer 2017, S.185f.)
Gemeint ist mit der künftigen Richtung der Bewegung nach ‚innen‘ die Gentechnik, also diejenige Technologie, die nicht mehr auf die äußere Natur der Welt, sondern auf die innere Natur des Menschen gerichtet ist. Damit wird die technisch-ökonomische Entwicklung zu einer Fortsetzung des kosmischen Evolutionsprozesses überhöht. So sehr also Fischers Sicht auf den Zusammenhang verschiedener Entwicklungsebenen meinem eigenen Modell von den Entwicklungsebenen gleicht, so sehr fehlt hier der Anachronismus zwischen ihnen. Dabei hätte gerade der Gedanke der zunehmenden Beschleunigung der kosmischen, biologischen und kulturell-individuellen Entwicklungsprozesse den Gedanken unterschiedlicher Geschwindigkeiten und Rhythmen und damit auch des Anachronismusses zwischen ihnen nahegelegt. Dafür aber hätte Fischer die kosmischen, biologischen und individuellen Entwicklungsprozesse präziser als einen geschichteten Prozeß deuten müssen, also als einen Prozeß, in dem die verschiedenen Entwicklungsprozesse gleichzeitig ablaufen und nicht hintereinander.

Indem Fischer das versäumt und diese Prozesse nacheinander auseinander hervorgehen läßt, löst er die Differenz zwischen ihnen harmonisch auf, wozu sicher auch die Kunst- und Bildungsmetapher beiträgt, deren er sich bedient. Und die Differenz zwischen Innen und Außen führt bei Fischer zu keiner anthropologischen Reflexion auf das menschliche Bewußtsein, sondern dient nur dazu, eine Entwicklungsrichtung zu beschreiben, die das, was sowieso schon passiert, naiv rechtfertigt.

Die Stärke der Kunst- und Bildungsmetapher besteht Fischer zufolge darin, daß sie im Unterschied zur Maschinenmetapher unseren Respekt vor dem Leben bestärkt:
„Zudem wird dem Leben vermutlich mehr Wert zugemessen, wenn wir seine Entstehung mit dem Anfertigen eines Kunstwerks vergleichen. Mit einem solchen gehen Menschen vorsichtiger um als mit Maschinen, selbst wenn auf diesen raffinierte Programme laufen.“ (Fischer 2017, S.160f.)
Fischer zufolge sind „Menschen primär ästhetische Wesen“: „Sie wissen erst, was schön ist, bevor sie lernen, was gut ist.“ (Fischer 2017, S.254) – Ich habe da meine Zweifel, wenn ich an Kinder denke, die gleichermaßen empfänglich sind für Häßliches wie Schönes, und wenn ich mir insbesondere ihre Technikbegeisterung vergegenwärtige, die ich darauf zurückführe, daß sie sich selbst als klein und schwach empfinden, wie Jean-Jacques Rousseau in seinem Émile (1762) schreibt, so daß sie diese Schwäche durch Magie oder Technik zu kompensieren versuchen. Dennoch leuchtet mir der ethische Impuls einer Ästhetik, wie Fischer ihn mit Friedrich Schiller beschreibt, durchaus ein: „Menschen streben nach Schönheit, und das heißt – frei nach Schiller – nach Vollkommenheit in Freiheit.“ (Fischer 2017, S.254)

Aber der Freiheitsbegriff ist ambivalent, wie sich schon an der kindlichen Technikbegeisterung zeigt, über die die meisten Menschen ihr Leben lang nicht hinauskommen, wenn sie ‚Freiheit‘ mit ‚Stärke‘ und ‚Macht‘ verwechseln. Tatsächlich widerspricht der neue (gen-)technologische Determinismus, der an die Stelle des althergebrachten Naturzwangs getreten ist, der von Schiller gemeinten Freiheit, wie im folgenden Post zu zeigen sein wird.

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Montag, 3. Juli 2017

Ernst Peter Fischer, Treffen sich zwei Gene. Vom Wandel unseres Erbguts und der Natur des Lebens, München 2017

1. Acht Argumente gegen den genetischen Determinismus
2. Genotyp und Phänotyp: Strukturalität und Phänomenalität
3. Exkurs zu Rückseiten und Hintergründen
4. Genotyp und Phänotyp: Entwicklungsebenen
5. Technologischer Determinismus
6. Ethik, Wissenschaftskritik und Medienschelte

Am Beispiel des katholischen Ordenspriesters Gregor Mendel (1822-1884), der in seinem Klostergarten mit Erbsen experimentierte und dabei den Vererbungsgesetzen von genetisch bedingten Eigenschaften auf die Spur kam, verweist Fischer auf die Erhaltung von Eigenschaften, auch wenn sie zeitweise nicht sichtbar sind. Mendel, so Fischer, war mit dem physikalischen Grundsatz von der „Erhaltung der Energie“ vertraut, und er übertrug ihn nun auf die biologische Vererbbarkeit von Eigenschaften:
„Und so nahm er an, dass seine hypothetischen Erbelemente ebenfalls erhalten blieben, also auch dann noch vorhanden waren, wenn sie keine Wirkung nach außen zeigten.“ (Fischer 2017, S.34)
Das erinnert nicht von ungefähr an Heisenbergs im vorangegangenen Blogpost zitiertes „chemisches Element“, das ebenfalls „nach allen möglichen chemischen oder physikalischen Prozessen schließlich immer wieder das gleiche Element bleibt und die gleichen Eigenschaften aufweist“. (Vgl. Fischer 2017, S.145f.) Mendel spricht an dieser Stelle von dominanten und rezessiven ‚Erbelementen‘, die in der Generationenfolge je nach ihrer Kombination im Phänotyp bestimmte Eigenschaften zutagetreten lassen oder nicht, ohne daß diese Eigenschaften verloren gehen.

Dieser strukturalistische Erklärungsansatz findet seine Entsprechung in der Phänomenologie. Edmund Husserl (1859-1938) unterschied zwischen „Innenhorizonten“ und „Außenhorizonten“ von Phänomenen. Außenhorizonte haben sichtbare Vorderseiten und nicht sichtbare Rückseiten, die beweglich sind und mit dem Standort des Beobachters wechseln. Vorderseiten können also zu Rückseiten werden und sich dem Blick des Beobachters entziehen, und Rückseiten können zu Vorderseiten und sichtbar werden, wenn der Beobachter seinen Standort wechselt.

Innenhorizonte beziehen sich auf die innere Beschaffenheit von Phänomenen, die dem Beobachter nicht ohne weiteres zugänglich sind, die aber prinzipiell sichtbar gemacht werden können, wenn man etwa einen Stein spaltet und seine Stücke uns jetzt sein bislang verborgenes Inneres zuwenden. Hier kommen wir in den Bereich der Strukturen, die uns nur durch trickreiches Verhalten (Experimente) oder durch Gewaltanwendung zugänglich sind.

Weitere phänomenologische Begriffe sind Vordergrund und Hintergrund. Hintergründe unterscheiden sich von Rückseiten dadurch, daß sie sichtbar bleiben, aber unserer Aufmerksamkeit, die sich auf den Vordergrund richtet, entgehen. Rückseiten sind also prinzipiell unsichtbar, können aber zu Vorderseiten werden, während Hintergründe prinzipiell sichtbar sind, sich aber unserer Aufmerksamkeit entziehen.

Ein Phänomen bildet also als Außenhorizont ein dynamisches Gestaltganzes mit strukturellen Implikationen (Innenhorizonte). Beides, Phänomenalität (Außenhorizont) und Strukturalität (Innenhorizont), bedingt sich wechselseitig: Umweltbedingungen wirken über die äußeren Eigenschaften auf die inneren Zustände, und die inneren Zustände wirken über die äußeren Eigenschaften auf die Umwelt. Haben wir es nicht nur mit lebloser Materie, sondern auch mit belebten, empfindsamen Körpern zu tun, dem Plessnerschen Körperleib, so bewegen sie sich auf der Grenze zwischen Innen und Außen und aus Vorderseiten werden Vordergründe und aus Rückseiten werden Hintergründe. Von jetzt an ist es weniger eine Frage der räumlichen Kinästhesen als vielmehr eine Frage der subjektiven Aufmerksamkeit, was wir fokussieren und was nicht.

Mit der subjektiven Aufmerksamkeit erhält die Differenz zwischen Innen und Außen jetzt eine expressive Komponente, die Fischer mit der Kunst- und Bildungsmetapher aufgreift. (Vgl. Fischer 2017, S.83, 161) Fischer verweist auf die Alchemie, die der inneren Natur der Materie auf die Spur kommen wollte, um sie zu läutern und zu reinigen, ein Vervollkommnungsstreben, das die Alchemie mit der heutigen Gentechnologie teilt, nur daß es hier nicht mehr um die Befreiung der Natur geht, sondern um ihre Unterwerfung. (Vgl. Fischer 2017, S.254) Fischers Kunst- und Bildungsmetapher ersetzt den bisherigen Strukturalismus der Lebenswissenschaften durch Expressivität: an die Stelle von Programmen und Codes treten infinitesimale Zellaktivitäten, deren Telos bzw. deren Sinn der lebendige Mensch ist. An dieser Stelle beende ich meinen Exkurs.

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Sonntag, 2. Juli 2017

Ernst Peter Fischer, Treffen sich zwei Gene. Vom Wandel unseres Erbguts und der Natur des Lebens, München 2017

1. Acht Argumente gegen den genetischen Determinismus
2. Genotyp und Phänotyp: Strukturalität und Phänomenalität
3. Exkurs
4. Genotyp und Phänotyp: Entwicklungsebenen
5. Technologischer Determinismus
6. Ethik, Wissenschaftskritik und Medienschelte

Ernst Peter Fischer verweist auf die Parallele zwischen dem Genbegriff der Molekularbiologen und dem Atombegriff der Physiker. Diese Parallele besteht in der vermeintlichen Stabilität von Genen und Atomen. Aber schon die scheinbare Stabilität erfordere, wie Werner Heisenberg (1901-1976) schreibt, eine „Lehre von den Gestalten“, eine „Morphologie“. (Vgl. Fischer 2017, S.145) Heisenberg verweist hier auf die innere Verschränkung von Strukturalität und Phänomenalität in der modernen Physik:
„Die Stabilität der Atome, die sich z.B. darin äußert, dass ein chemisches Element nach allen möglichen chemischen oder physikalischen Prozessen schließlich immer wieder das gleiche Element bleibt und die gleichen Eigenschaften aufweist, diese Stabilität konnte in der Newtonschen Physik nicht gedeutet werden. Hier braucht man die Persistenz von Gestalten, die Bohr mit seiner These von der Existenz stationärer Zustände postuliert hat ...“ (Werner Heisenberg: „Die Einheit der Natur bei Alexander von Humboldt und in der Gegenwart“ (1969); zitiert nach Fischer 2017, S.145f.)
Die von Heisenberg angesprochene Notwendigkeit, auf den Gestaltbegriff zurückzugreifen, macht den Antagonismus zwischen Phänomenalität und Strukturalität in der modernen Physik deutlich, nämlich zwischen ‚Gestalten‘, wie sie sich zeigen und erhalten, also eine Dauer in der Zeit an den Tag legen, und dem mathematischen Strukturalismus physikalischer Gesetze. Einerseits hat sich die moderne Physik von den Natur-Phänomenen im ursprünglichen Sinn des Wortes abgewandt. Sie interessiert sich nur noch für die zugrundeliegenden, nicht sichtbaren Strukturen der sichtbaren Natur. Andererseits führt diese Tendenz zu dem Ergebnis, daß sich auch diese ‚Strukturen‘ schließlich mit den Atomen auflösten und dynamische Relationen oder sogar eine Art geordnetes Chaos an ihre Stelle trat:
„Als die Wissenschaft lernte, Atome zu zählen, verschwanden sie vor den Augen und aus den Händen der Physiker und luden die Forscher zu vielen Gedankenspielen ein. Diese zwar erstaunliche, aber kaum verbreitete oder öffentlich wahrgenommene Erfahrung hat ein Zeitzeuge der Entwicklung, der erst als Physiker tätige und dann als Philosoph berühmt gewordene Carl Friedrich von Weizsäcker bereits in den 1940er Jahren durch die Bemerkung charakterisiert, ‚man wird nicht sagen dürfen, dass die Physik die Geheimnisse der Natur wegerkläre, sondern dass sie sie auf tieferliegende Geheimnisse zurückführe‘.“ (Fischer 2017, S.20)
Auch hier haben wir eine parallele Entwicklung in der Biologie: in dem Moment, wo die Gene zählbar wurden, „lösten sich diese Gebilde unter ihren Händen auf – auch wenn einige Bioforscher sich eifrig bemühten, Nummern aufs Papier und in eine Datei zu schreiben“. (Vgl. Fischer 2017, S.23) – Ernst Peter Fischer beschreibt, wie an die Stelle von statischen, nur in diskontinuierlichen Sprüngen zwischen den Generationen mutierenden Genen eine dynamische Vorstellung von der Gesamtheit des dynamischen Geschehens in einer Zelle trat, in dem Gene und Proteine sich wechselseitig in einem ‚inifinitesimalen‘ Kreislauf beeinflussen:
„Das Gen als dynamisches Geschehen in der Zelle löst zwangsläufig eine wirbelnde und wabernde Vorstellung aus, bei der Gene Proteine machen, die Gene machen, die Proteine machen, die Gene machen, die Proteine machen, und man würde allmählich gern wissen, wo da Anfang und Ende sind. Vielleicht kann man so etwas gar nicht finden und sollte sich eher endlose Schleifen und Kreisläufe im Innern der Zelle vorstellen ...“ (Fischer 2017, S.96f.)
An den beiden Zitaten von Werner Heisenberg (1901-1976) und Carl Friedrich von Weizsäcker (1912-2007) zeigt sich, wie bereits erwähnt, der Antagonismus zwischen Phänomenalität und Strukturalität, von dem in meinem Blog immer wieder die Rede ist und mit dem wir es gerade auch in der Molekularbiologie wieder zu tun haben. Hatte man im gesamten Verlauf des 20. Jhdts. zunächst versucht, den Phänotyp, also die sichtbare Gestalt eines individuellen Organismusses auf den Genotyp, nämlich auf im Zellkern verortete, ‚stabile‘ Informationen und Codes zurückzuführen, die in Form von Algorithmen bzw. Programmen das Zellgeschehen und den Organismus steuern, so begann man nun im Gefolge der „Verhaltensepigenetik“ wieder die individuelle Biographie eines Menschen in dessen ‚Genese‘ miteinzubeziehen:
„Im Rahmen dieser neuen Wissenschaft hat man es längst aufgegeben, einen deterministischen Ansatz zu verfolgen, also nach irgendwelchen Genen Ausschau zu halten, die alles bedingen und bewirken. Wie auch? Bei dem epigenetischen Paradigma wird vielmehr gefragt, wie Eigenschaften (Phänotypen) und Verhaltensweisen im Lauf der Entwicklung auftreten.“ (Fischer 2017, S.212f.)
Ernst Peter Fischer schließt mit seinen Überlegungen an diesem Stand der Forschung an. Da es ohnehin bis heute keine anerkannte „Theorie von Genen und Genomen“ gibt (vgl. Fischer 2017, S.286) und die Forschung sich vor allem an Metaphern aus dem Maschinen- und Computerbereich orientiert – was sie nicht daran hindert, im Gegenteil!, technologisch höchst produktiv zu sein –, schlägt Fischer alternative Metaphern aus dem Bereich von Kunst und Bildung vor, die dem aktuellen Erkenntnisstand wesentlich besser entsprechen. (Vgl. Fischer 2017, S.160f.) Dabei geht es vor allem um eine neue Verhältnisbestimmung zwischen Genotyp und Phänotyp, zwischen Strukturalität und Phänomenolität.

Die bisherige Forschung ist vor allem an der Steuerung des Phänotyps durch den Genotyp interessiert gewesen, in der die Informationen nur in eine Richtung fließen:
„Für (Francis) Crick kam es darauf an, die Richtung der Information festzulegen – sie fließt nur in ein Protein hinein und nicht wieder aus ihm heraus –, und er wollte wissen, ob der Übertrag direkt geschieht oder vermittelt wird.“ (Fischer 2017, S.80) 
Diesem informationstheoretisch geprägten Erkenntnisinteresse entspricht die Redeweise (Metapher) von ‚Programmen‘ und ‚Codes‘, bei denen Fischer an mehreren Stellen seines Buches genüßlich nachfragt, wo denn da „der entsprechende Programmierer sitzt und wie er tickt“. (Vgl. S.156; vgl. auch S.22, 157, 204) Nun könnte man aber an ihn hinsichtlich seiner Kunstmetapher genau dieselbe Frage richten, denn er übernimmt die Metapher von dem Evolutionsbiologen Enrico Coen, ohne nach dem Künstler bzw. Maler zu fragen, der die Formen des Lebens auf die (mit den sich entwickelnden Organismen mitwachsende) Leinwand (vgl. Fischer 2017, S.166) zaubert. Wie Fischer schreibt, „hat der britische Evolutionsbiologe Enrico Coen vorgeschlagen, sich (bei der Wahl der Metaphern – DZ) bei der menschlichen Kreativität zu bedienen, und er meint damit vor allem die Formen des künstlerischen Schaffens, wie sie sich beim Malen zeigen“. (Vgl. Fischer 2017, S.159)

Darüberhinaus spricht Fischer ganz naiv von „Skizze(n)“ (vgl. Fischer 2017, S.166) und von „kreative(n) Idee(n)“ (vgl. Fischer 2017, S.159), die „im Genom eines Menschen“ stecken und die sich im sich entwickelnden Organismus „ausdrücken“ können und wollen (vgl. Fischer 2017, S.161). Fischer versäumt es an dieser Stelle, die naheliegende Parallele zum Kreationismus zu thematisieren und sich davon zu distanzieren. Aber mit dem Kreationismus hat Fischers Rückgriff auf die Kunst- und Bildungsmetapher schon deshalb nichts zu tun, weil er ausdrücklich festhält, daß wir es hier mit einem Lebensprozeß zu tun haben, der sich selbst erschafft, also nicht auf einen Künstler-Gott als Urheber rekurriert:
„Das Machen und das Gemachte, der Macher und das Machen – sie hängen zusammen, in der Kunst wie im Leben, und es ist schön, dass die deutsche Sprache ein passendes Wort hat, auch wenn es heute mehr in einem oberflächlichen Sinn gebraucht wird. Gemeint ist das Wort ‚Bildung‘, in dem das Bilden und das Gebildete zusammenfinden und mit dem die Möglichkeit gegeben ist, bei den Entwicklungsvorgängen von der Bildung des Lebens zu sprechen, von der Bildung einer Drosophila ebenso wie von der Bildung eines Menschen.“ (Fischer 2017, S.160)
An dieser Stelle vermißt der Rezensent eine weitere notwendige Differenzierung der Kunst- und Bildungsmetapher: inwiefern unterscheidet sie sich von der systemtheoretischen „Autopoiesis“? Bei der Systemtheorie haben wir es nämlich mit einer Maschinentheorie zu tun, und trotzdem gibt es hier eine Vorstellung von ‚Selbsterschaffung‘, in der der „Macher“ und das „Machen“ zusammenfallen, ohne daß dabei auf Metaphern wie ‚Programm‘ oder ‚Code‘ verzichtet wird. Und mit der Informationsrichtung haben Systemtheoretiker auch kein Problem: lernende Algorithmen steuern nicht nur Systemprozesse, sondern nehmen auch gerne Informationen aus der ‚Umwelt‘ entgegen.

Abgesehen von diesen Problematiken (Kreationismus/Systemtheorie) ist Fischers Rückgriff auf die Kunst- und Bildungsmetapher durchaus lehrreich und produktiv. So gelingt es ihm mit ihrer Hilfe, Genotyp und Phänotyp zusammenzudenken, und ich möchte an dieser Stelle seinen Gedanken in einem Exkurs aufgreifen und weiterdenken.

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Samstag, 1. Juli 2017

Ernst Peter Fischer, Treffen sich zwei Gene. Vom Wandel unseres Erbguts und der Natur des Lebens, München 2017

1. Acht Argumente gegen den genetischen Determinismus
2. Genotyp und Phänotyp: Strukturalität und Phänomenalität
3. Exkurs
4. Genotyp und Phänotyp: Entwicklungsebenen
5. Technologischer Determinismus
6. Ethik, Wissenschaftskritik und Medienschelte

Auch wenn der Titel von Ernst Peter Fischers Buch „Treffen sich zwei Gene“ (2017) eher nach einem Witz klingt, handelt es sich dabei doch um eine lesenswerte, gleichermaßen sachlich informierte wie reflektierte und nicht zuletzt auch polemische Auseinandersetzung mit den Grundlagen der Molekularbiologie auf hohem Niveau. Es ist eher der Untertitel „Vom Wandel unseres Erbguts und der Natur des Lebens“, an dem sich interessierte Leser orientieren sollten.

Es sagt viel über die Möglichkeiten und die Grenzen der in den 1930er Jahren zunächst als „Mathematische Biologie“ in Erscheinung getretenen Molekularbiologie aus, daß sie von Physikern mitbegründet und lange Zeit von Physikern begleitet wurde. (Vgl. Fischer 2017, S.47) Fischer zufolge ist die „moderne Biologie das Werk von Physikern ... – was noch deutlicher wird, wenn es um die moderne Molekularbiologie geht“. (Vgl. Fischer 2017, S.30) Schon in den allerersten Anfängen der modernen Genetik hatte die Physik bei der Entdeckung der Gene ihre Finger mit im Spiel. Noch bevor Gregor Mendel (1822-1884) in seinem Klostergarten Erbsen zählte und den Vererbungsgesetzen von „Erbelementen“, den späteren Genen, auf die Spur kam, hatte er im Auftrag seines Ordens Physik studiert. Die Folge war, daß er sich die wechselseitigen Einflüsse zwischen den von ihm so genannten Erbelementen entsprechend der „kinetische(n) Gastheorie“ seiner Zeit als ein dynamisches Geschehen dachte. (Vgl. Fischer 2017, S.31) Der Dynamik des von ihm beschriebenen Vererbungsprozesses entsprach auch die statistische Methode, die Mendel erstmals in der Biologie anwandte. (Vgl. Fischer 2017, S.33)

Viele weitere ursprünglich physikalische Begriffe fanden in der Genetik Anwendung: der Begriff des Gens war vom Begriff des Atoms abgeschaut. (Vgl. Fischer 2017, S.18ff. und S.30) Und der Begriff der Mutation orientierte sich an den von Max Planck (1858–1947) beschriebenen Quantensprüngen. (Vgl. Fischer 2017, S.37) Sogar der physikalische Satz von der Erhaltung der Energie fand seine Entsprechung in der genetischen Erkenntnis, „dass es Qualitäten gibt, die erhalten bleiben, auch wenn sie oberflächlich verschwunden zu sein scheinen“, also im Sinne einer Differenz zwischen dominanten und rezessiven Genen. (Vgl. Fischer 2017, S.35)

Die Parallelisierung von Genen und Atomen führte zu einem genetischen Determinismus, demzufolge die Gene als „Kausalfaktoren mit festem Ort und sauber definierten Aufgaben“ verstanden wurden (vgl. Fischer 2017, S.143), die das Erscheinungsbild bzw. den Phänotyp eines Organismusses bedingen, bis hin zu Bewußtseinsqualitäten wie der Intelligenz. Beim Versuch, die Wirkungsweise eines Gens zu definieren, einigten sich einige – aber längst nicht alle! – Wissenschaftler darauf, daß Gene Proteine herstellen:
„Man kann das Gesagte in prägnanter Form so zusammenfassen, wie es die Biochemiker selbst getan haben, und von der legendären ‚Ein-Gen-ein-Protein-Hypothese‘ sprechen, mit der langsam erste Klarheit in das Treiben von Zellen und ihre genetische Grundlage gebracht werden konnte.“ (Fischer 2017, S.58)
Diese Definition ist unvollständig, wie sich noch zeigen wird. Tatsächlich gibt es, wie Fischer festhält, bis heute keine allgemein anerkannte Theorie des Gens: „Es sagt zwar niemand laut, aber es gibt keine Theorie von Genen und Genomen ...“ (Fischer 2017, S.286) – Dafür aber, und das finde ich erstaunlich, gibt es unglaubliche Erfolge in der Gen-Technologie. Vor dem Hintergrund einer fehlenden Theorie hat das etwas Bedenkliches.

Letztlich ereilte den am Atommodell orientierten klassischen Gen-Begriff das gleiche Schicksal wie das Atom:
„Beim Versuch, die Gene abzuzählen, erlebten die Biologen zu Beginn des 21. Jahrhunderts dasselbe, was die Physiker einhundert Jahre zuvor erfahren hatten. Als es den Betreibern des Genomprojekts nämlich möglich wurde, die Objekte ihrer Suchleidenschaft zu zählen, da lösten sich diese Gebilde unter ihren Händen auf – auch wenn einige Bioforscher sich eifrig bemühten, Nummern aufs Papier und in eine Datei zu schreiben.“ (Fischer 2017, S.23)
Wie sich der Gen-Begriff in der Forschung nach und nach zerlegte und wie er schließlich seine Gültigkeit verlor, zeichnet Fischer anhand von, nach meiner Zählung, insgesamt acht Punkten bzw. Argumenten nach, auf die ich hier, entsprechend meinem laienhaften Verständnis, kurz eingehen will.

Zum ersten Mal wurde das Gen als grundlegende, unteilbare Einheit der Vererbung durch die Forschung von Seymour Benzer (1921-2007) in Frage gestellt:
„Wie seine Experimente zum Vorschein brachten, reichte schon die Änderung eines einzigen Bausteins in der DNA, um ein Gen zu verändern, also eine Mutation herbeizuführen. Und eine Rekombination kam ebenfalls mit Bruchteilen eines Gens aus, das in seiner eigentlichen Funktion immer noch brav als ganzer DNA-Strang weitergegeben – vererbt – werden musste.“ (Fischer 2017, S.76f.)
Benzer zufolge zerfällt der Evolutionsprozeß in drei verschiedene Momente: in die „Einheit der Mutation“, in die „Einheit der Rekombination“ und in die „Einheit der Vererbung“. (Vgl. Fischer 2017, S.77) Diese drei verschiedenen Momente lassen sich nicht in einem einheitlichen Gen-Begriff zusammenfassen.

Das zweite Argument gegen den unteilbaren Kausalfaktor namens ‚Gen‘ richtet sich gegen die Hypothese, daß Gene die Zellaktivitäten steuern. Fischer spricht stattdessen von einem Krieslaufprozeß, der das ganze Zellgeschehen umfaßt:
„Damit ein Gen funktionieren kann, braucht es die Hilfe eines anderen Gens, das natürlich auch erst funktionieren kann, wenn es selbst ebenfalls dank eines anderen Gens aktiv geworden ist, und so geht der genetische Gedanke immer weiter und schließt sich vermutlich zu einem Kreis. Gene funktionieren nicht für sich, sondern nur mit Genen, also im vernetzten Verbund der ganzen Zelle und ihrer sich gegenseitig bedingenden Abläufe ...“ (Fischer 2017, S.82)
Die Fragen, die sich hier stellen, beziehen sich Fischer zufolge nicht mehr auf das Gen als Kausalfaktor, sondern darauf, was in diesem Kreislaufprozeß die Proteine dazu befähigt, genetische Informationen auszulesen, die es ihnen ermöglichen, Proteine herzustellen. (Vgl. Fischer 2017, S.83)

Das dritte Argument betrifft die „reverse Umschreibung“ von RNA-Strängen in diejenigen DNA-Abschnitte, die die Herstellung der RNA-Stränge ermöglicht hatten. (Vgl. Fischer 2017, S.95) Dem genetischen Dogma zufolge ist so eine Umschreibung unmöglich, da die Information nur in eine Richtung gehen kann: vom Gen zum Protein bzw. zur RNA und nicht umgekehrt. Als die Möglichkeit einer reversen Umschreibung tatsächlich experimentell belegt wurde, widerlegte sie nicht nur dieses Dogma; auch die mit der Möglichkeit einer reversen Umschreibung verbundene Erwartung, daß es zu einer identischen Verdopplung der betreffenden DNA-Abschnitte kommen würde, wurde enttäuscht; Original und Kopie waren verschieden:
„Der ontologische Status der Gene war damit, wenn man so will, seit Ende der 1970er Jahre hinfällig, und dieser Gedanke ist zwar ungewohnt, doch die Wissenschaft kennt auch andere Größen, die es nicht als solides, sondern nur als dynamisches Etwas gibt und die sogar verschwinden können, wenn sie ihre Schuldigkeit getan haben.“ (Fischer 2017, S.95)
Das fünfte Argument bezieht sich auf das „Spleißen“ von RNA-Strängen. Dieser Vorgang ermöglicht es den RNA-Strängen, aus ein und demselben DNA-Abschnitt mehr als ein Protein herauszulesen. (Vgl. Fischer 2017, S.99) Ein weiterer Sargnagel für die „Ein-Gen-ein-Protein-Hypothese“.

Das sechste Argument beinhaltet die Einsicht, daß die Gene, die Antikörper codieren, „erst im Lauf der Entwicklung“ eines Kindes „zusammengestellt“ werden, „abhängig von den Erfahrungen, die ein Kind macht, abhängig von dem Dreck, den es frisst, oder abhängig von den Krankheitserregern, denen es begegnet und die sich in ihm tummeln wollen“. (Vgl. Fischer 2017, S.100) Auch diese Erkenntnis stellt den ontologischen Status von Genen, die dem Dogma zufolge nur über den Wechsel der Generationen hinweg weitergegeben und verändert werden, grundlegend in Frage.

Das siebte Argument führt den seltsamen Umstand an, daß nur die sogenannten Gene für die Herstellung von Proteinen verantwortlich sind. Tatsächlich sind lediglich „rund ein Prozent der DNA einer menschlichen Zelle als Gen im traditionellen Sinn der Proteinherstellung zu deuten“. (Vgl. Fischer 2017, S.142) Mehr als 80 Prozent des Genoms „liegen“, schreibt Fischer mit Verweis auf den „Guide to the Human Genome“, nicht einfach nur „herum“. (Vgl. ebenda) Die vielfältigen Aufgaben dieses Teils des Genoms – zu einem beträchtlichen Teil regulatorische Aufgaben – sind längst noch nicht im Detail beschrieben.

Als achtes Argument zähle ich Fischers ästhetische Stellungnahme zum Lebensprozeß, die seiner Ansicht nach eine Ethik impliziert. Nach der Destruktion des Gen-Begriffs als Kausalfaktor und der damit verbundenen Reduktion des Lebensprozesses auf algorithmische Ausführungsbedingungen, sprich: ‚Programme‘, fragt sich der Autor, ob die Maschinen- bzw. Computer-Metapher zur Beschreibung dieses Lebensprozesses überhaupt noch etwas taugt. Angesichts des Umstands, daß es nach wie vor keine „Theorie von Genen und Genomen“ gibt (vgl. Fischer 2017, S.286), schlägt Fischer vor, es zur Abwechslung mal mit einer anderen Metapher aus dem Bereich der Kunst und der Bildung zu versuchen, und den Lebensprozeß als Kunstwerk zu verstehen:
„Mit einem solchen (Kunstwerk – DZ) gehen Menschen vorsichtiger um als mit Maschinen, selbst wenn auf diesen raffinierte Programme laufen. Vielleicht gehen Menschen insgesamt vorsichtiger mit Genen um, wenn sie wissen, welche kreative Kraft in ihnen liegt und sich ausdrücken kann und will.“ (Fischer 2017, S.160f.)
Auf dieses achte Argument werde ich in den folgenden Blogposts noch einmal differenzierter eingehen.

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