„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Montag, 2. Oktober 2017

François Rastier, Schiffbruch eines Propheten. Heidegger heute, Berlin 2017

(Neofelis Verlag, Softcover, 218 Seiten, 25-- €)

1. Zusammenfassung
2. Kritik

Die Atmosphäre unter Frankreichs Intellektuellen scheint ziemlich vergiftet zu sein, wenn man sich François Rastiers Schreibstil anschaut. Auf der akademischen Ebene haben die Heideggerianer das Sagen, und kein Philosophiestudent kommt um „Sein und Zeit“ (1927) als Pflichtlektüre herum. Jede Kritik an Heidegger wird von den Ton angebenden Heideggerianern gerne als Diffamierung verleumdet, nur um mit gleicher Münze zurückzuzahlen:
„Als der Sammelband ‚Heidegger, le sol, la communauté, la race‘ erschien,() wollte der Chefredakteur einer philosophischen Zeitschrift eine Rezension veröffentlichen. Die angeschriebenen Heideggerianer weigerten sich, das Buch zu lesen. Schließlich erklärte sich ein Derrida-Spezialist, Jean-Clet Martin, bereit, eine Rezension zu schreiben. Er erhielt öffentliche Unterstützung durch einen offenen Brief von Alain Badiou, der ihn ‚sehr gut‘, aber ‚zu maßvoll‘ findet und über die Autoren des Buchs (zu denen ich gehöre) herzieht. Ich empfehle wärmstens, ihn zu lesen.() Übergehen wir die persönlichen Angriffe, auf die ‚Moralhermeneutiker‘, die ‚Inquisitoren‘, die ‚inquisitorischen guten Apostel‘, die ‚untolerierbar sind und nicht geduldet werden dürfen‘; diese Sprache, deren philosophische Tiefe der Leser bewundern wird, erinnert an Denis Tillinac und sein ‚Torquemanda de la rive gauche‘(), aber es handelt sich ja um ein Pamphlet, das sich keinen Zwang antun muss.“ (Rastier 2017, S.100f.)
In diesem Stil, voller Ironien und Sarkasmen, setzt sich Rastier über 200 Seiten hinweg mit seinen Gegnern, den Heideggerianern, auseinander, was es für einen Außenstehenden sehr mühsam macht, ihm zu folgen. Das Lesen wird auch nicht dadurch erleichtert, daß die Hälfte des Textes aus Fußnoten besteht, womit Rastier wohl Heideggers Ablehnung jeder Philologie (vgl. Rastier 2017, S.57) zu konterkarieren versucht. Wer wirklich in allen Einzelheiten wissen will, wie sich die Intellektuellen in Frankreich wechselseitig beharken, hat vielleicht seine Freude daran. Und es hat auch wohl seine Notwendigkeit. Aber warum muß der Verlag alle Zitate und Fußnoten nicht nur in kleinerer Schrift, sondern auch noch in einem blassen Grau drucken, das das Entziffern zusätzlich erschwert, so daß der Rezensent eine Lupe zuhilfe nehmen mußte?

Rastier attackiert die Heideggerianer nicht nur mit Ironien und Sarkasmen; er verwendet einen speziellen akademischen Jargon, der die Sätze mit Fachbegriffen spickt, die von einem weniger gebildeten Leser nur mit Hilfe eines Fremdwörterlexikons entziffert werden können:
„Aus dem ontologischen Diskurs entnimmt er (Heidegger – DZ) vor allem Assimilationsprozeduren, eine Wortwahl, die er durch mannigfaltige Ableitungen bereichert und die jeden einzelnen Satz durchsiebt; aus dem identitären Mythos stammt die rhapsodische Erzählstruktur und die repetitive Dialektik, aus dem radikalen politischen Diskurs die binäre Syntax und der oratische Numerus.“ (Rastier 2017, S.97)
Alles in allem kann ich diesem Satzungetüm zwar folgen, aber geht es nicht auch etwas weniger akademisch?

Wer von solchen Sätzen überschwemmt wird, hat kaum noch Aufmerksamkeit für sachliche Unrichtigkeiten. Ein Freund, dem ich Rastiers Buch zeigte, stolperte über eine Stelle, die ich tatsächlich überlesen hatte:
„Das Verbrechen vollendet die Initiation: Zum Beispiel musste man, um SS-Mitglied werden zu können, eigenhändig einen Menschen töten; diese Praxis lebt fort in gewissen neonazistischen Sekten.“ (Rastier 2017, S.34)
Die SS hatte 1932 13.217 zahlende Mitglieder. 1933 sprang diese Zahl auf 167.272 Mitglieder. Will Rastier tatsächlich ernsthaft behaupten, daß jedes dieser SS-Mitglieder einen Menschen umgebracht hat? – Wenn er so sorglos historische Daten dramatisiert, macht er es den Apologeten Heideggers allzu leicht.

Das alles ist ärgerlich, denn die Sachlage, daß wir es bei Heidegger mit einem ausgewachsenen Nationalsozialisten und Antisemiten zu tun haben, ist viel zu ernst, als daß die berechtigte Kritik durch solche Fahrlässigkeiten geschmälert werden dürfte. Hinzukommen ärgerliche Verallgemeinerungen von folgender Art:
„Der aktive Antirationalismus, die Ablehnung der Ethik und die Fetischisierung der Ästhetik, die Ablehnung der Technik und des wissenschaftlichen Denkens, das alles zog die universitären Radikalismen von rechts und links ungemein an, die sich schon seit Jahrzehnten im Heideggerschen Programm des ‚Abbaus‘ befinden, eines Begriffs, der auch in seiner schönfärberischen Form ‚Dekonstruktion‘ bekannt ist.“ (Rastier 2017, S.21)
Rastier wirft hier alles in einen Topf. Technik- und Wissenschaftkritik wird mit einem demokratiefeindlichen Anti-Rationalismus und Anti-Humanismus gleichgesetzt, so daß jeder, der die naturwissenschaftlich-technische Rationalität in Frage stellt, letztlich nur Heideggers „antihumanistische(s) Projekt“ betreibt. (Vgl. Rastier 2017, S.19) Wenn Rastier aber meint, die Ethik und die „philosophische Anthropologie“, die „Sozialwissenschaften mit ihrer Vielfalt der Kulturen und Sprachen“ gegen solche Umtriebe in Schutz nehmen zu müssen (vgl. Rastier 2017, 19) und dabei für einen „Universalismus“ plädiert, in dem „die Menschwerdung sich in der Humanisierung fortsetzt“ (vgl. Rastier 2017, S.200), so sabotiert er dieses unterstützenswerte Ansinnen gleich wieder dadurch, daß er Universalität mit Mathematik gleichsetzt:
„Die Rationalität kann nicht ethnozentrisch sein, weil ihre Prinzipien zu einer nicht aufgezwungenen, sondern von allen gebilligten Universalität hin tendieren, so z.B. die Prinzipien der Mathematik.“ (Rastier 2017, S.153)
Diese Aufwertung der Mathematik als ein alle Menschen verbindendes Gattungsprinzip – ungeachtet dessen, daß eben nicht alle Menschen mathematisch denken können und deshalb mathematische Prinzipien, die sie nicht denken können, auch nicht ‚billigen‘ können – ist der typisch Rastierschen Gedankenfigur geschuldet, daß das Gegenteil des Bösen immer etwas Gutes sein müsse: war Heidegger gegen Technik? – Dann muß man für Technik sein! War Heidegger gegen Philologie? Dann muß man für Philologie sein! Hatte Heidegger etwas gegen Latinismen? Also muß man den eigenen Text mit lateinischen Phrasen spicken! Und weil Heidegger den rechnenden Geist mit dem Judentum identifizierte (vgl. Rastier 2017, S.150), muß man logischerweise auch für Mathematik sein! Ein drittes gibt es nicht.

Rastier übersieht dabei, daß es gerade die naturwissenschaftliche Empirie ist, die mit ihrem ‚rechnenden Geist‘ die „Zukunft der Human- und Kulturwissenschaften“, die nicht nur ihm so am Herzen liegt, bedroht. Man denke an den technikbegeisterten Friedrich Kittler, der mit Hilfe der Kybernetik den Geisteswissenschaften den Geist austreiben wollte. (Zu den Geisteswissenschaften vgl. meinen Blogpost vom 13.02.2016) Man kann keine Human- und Kulturwissenschaften im ‚Geiste‘ der Mathematik und der Naturwissenschaften betreiben! Auch nicht Philologie. Wer das versucht, hat sich schon von ihnen verabschiedet.

Dessen ungeachtet weiß Rastier allerdings einige sehr vernünftige Dinge zur Philosophie und zum Humanismus zu sagen, die sich jeder gläubige Heideggerianer sehr zu Herzen nehmen sollte. Zur Philosophie hält Rastier fest, daß sie niemals Esoterik ist und daß sie offen ist für jeden, der einen Einwand anzumelden hat, gleichgültig welche Sprache er spricht und über welche Bildung er verfügt:
„Jeder Vorschlag kann von einem Unbekannten in Frage gestellt werden, und der Philosoph muss sich dem im Beisein aller stellen.“ (Rastier 2017, S.113)
Die Philosophie braucht keine Propheten, sie ist prinzipiell ungläubig und sie ist allen zugänglich:
„Zweifel sind notwendig, denn der Raum des Dialogs, aus dem Philosophie besteht, ist dadurch offen, dass die Fragen allen zugänglich gemacht werden, dass Vorurteile und Glaubenssätze abgelehnt werden. In seiner gelehrten Unwissenheit bleibt der Philosoph der einzige, der nicht im Besitz der Wahrheit ist, was es ihm ermöglicht, die Suche nach ihr zu problematisieren.“ (Rastier 2017, S.41)
Die einzige Wahrheit, über die der Humanismus noch verfügt, ist die des Überlebens:
„Die vielleicht allerletzte Form des Humanismus wird wahrscheinlich ein Humanismus des Überlebens, das des Überlebenden, das der Menschlichkeit im Menschen, aber auch das der ganzen Menschheit sein: Levi, den der Negationismus und das Wettrüsten beunruhigen, warnte immer wieder in seinen Reden, Gesprächen und Gedichten.“ (Rastier 2017, S.199)
Bleibt mir nur noch hinzuzufügen, daß dieses Überleben eng mit der technischen Frage verknüpft ist; eine Frage, die für Kritik offen sein sollte.

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Sonntag, 1. Oktober 2017

François Rastier, Schiffbruch eines Propheten. Heidegger heute, Berlin 2017

(Neofelis Verlag, Softcover, 218 Seiten, 25-- €)

1. Zusammenfassung
2. Kritik

Während meines Studiums habe ich mich durch „Sein und Zeit“ (1927) gequält und versucht, die Heideggerschen Begriffe mit Sinn zu füllen. Ich scheiterte. Etwas später, nach meinem Studium, verbrachte ich die Tage ‚zwischen den Jahren‘ auf Baltrum. Ich hatte Heideggers „Der Ursprung des Kunstwerks“ (1989) dabei und wollte einen zweiten Versuch starten. In naiver Erwartung, daß die naturnahe, winterliche Inselatmosphäre zum Verständnis des Heideggerschen Jargons beitragen würde, saß ich mit denkschwerer Attitüde im Lesesaal der Insel und ließ meine Augen über die bedeutungsschwangeren Sätze gleiten. Dieses Inselarrangement vermittelte mir eine gewisse Befriedigung, aber mein Verstand blieb davon unberührt. Danach nahm ich nie wieder ein Buch von Heidegger in die Hand.

Dennoch muß ich gestehen, daß ich mich auch in diesem Blog das eine oder andere Mal, vor allem hinsichtlich seiner Technikkritik, auf Heidegger bezogen habe. Nach der Lektüre von François Rastiers „Schiffbruch eines Propheten“ (2017) ist das nun endgültig vorbei. Denn wie soll man mit einem Autor arbeiten, wenn seine Texte, wie Rastier schreibt, „ohne bestimmbaren wissenschaftlichen Wert“ sind (vgl. Rastier 2017, S.58), weil sie allesamt eine „Fälschung des Autors“ sind, der sie je nach politischer Großwetterlage nach Belieben umschrieb, ohne die vorgenommenen Veränderungen zu kennzeichnen (vgl. Rastier 2017, S.62)? Der „unauthentische Text“, schreibt Rastier – welche Ironie: der Prophet der Eigentlichkeit, gesteht seinen eigenen Texten diese Würde nicht zu –, „kann lediglich Kommentare erzeugen, die ebenso bedeutungslos sind“. (Vgl. Rastier 2017, S.63)

Heideggers Verachtung der Philologie war keine bloße Laune, sondern sie hatte Methode; sowohl was die Editionsgeschichte seines Werks betrifft wie auch seine Schreibtechnik. Seine Schreibtechnik mißachtete systematisch jede philologische Gründlichkeit und argumentative Schlüssigkeit:
„Heidegger umgeht sie (die Philologie – DZ) also und befreit sich von jeglichem philologischem Anspruch: ohne weiteres stützt er sich auf zweifelhafte Editionen, und Jean-Pierre Faye wies seine nachlässigen Übersetzungen und Auslegungen nach: zweifelhafte Etymologien vervollständigen das Bild.“ (Rastier 2017, S.57)
In seinen Texten bilden schon seit „Sein und Zeit“, das die Apologeten Heideggers immer von seinen nationalsozialistischen Verstrickungen ausgenommen sehen wollten, die zentralen Begriffe seiner Ontologie lediglich „Decknamen“, ohne tieferen, systematisch gerechtfertigen Sinn:
„1943 vertraut er dem Briefpartner an, dass das ‚Sein des Seienden‘ für ihn oft ein Deckname sei, und er schreibt auch, das Vaterland sei das Seyn selbst.()“ (Rastier 2017, S.36f.)
So wie das ‚Seyn‘ für das Vaterland steht, steht das vaterlandslose (seinsvergessene) Man nicht etwa für eine anthropologische Kategorie, sondern für das internationale Judentum:
„Lesen wir noch einmal in §27 die Beschreibung eines unauthentischen Lebens, das durch Identitätsverlust und Seinsvergessenheit gekennzeichnet ist. Hier ist nicht mehr die Rede von jüdischen Kollegen, aber immerhin von einem unerträglichen Man. Anders gesagt, vaterlandsloser Kosmopolitismus ...“ (Rastier 2017, S.76)
Mit der durchgehenden Verwendung solcher Decknamen entwickelt Heidegger eine Esoterik, die den Uneingeweihten in die Irre führen soll und sogar den Eingeweihten in Unsicherheit verharren läßt: die besten Voraussetzungen für eine perfide Manipulation von Leserschaft und akademischer Öffentlichkeit. Heidegger wußte sehr wohl um die suggestive Macht dieser Schreibtechnik, wie aus den „Schwarzen Heften“ (2014) hervorgeht, von denen bislang vier erschienen sind:
„Das Mißverstandenste wäre der Versuch des Denkens, sich verständlich zu machen. (...) Die hartnäckigste Gefahr für das Denken ist die Bemühung, verständlich zu sein.“ (Zitiert nach: Rastier 2017, S.67)
Heideggers Texte sollten nicht verstanden und auch nicht interpretiert werden. Sie sollten vor allem verehrt werden:
„Im Gegensatz zu einer gewöhnlichen Sekte weiß hier der Eingeweihte nicht, dass er einer ist, und die Manipulation und Kontrolle können umso besser ausgeübt werden: ‚Dabei merken sie nicht, wie scharf ich sie in der Kontrolle habe‘, schrieb Heidegger 1921 an Jaspers über die Mitglieder seines Kreises.()“ (Rastier 2017, S.33)
Von diesem Manipulationswillen zeugt auch Heideggers Editionsplan, der die Veröffentlichung seiner Werke bis ins Jahr 2046 selbst geplant hat und dabei davon ausgegangen ist, daß die Gesellschaft ab dem Jahr 2000 einer Wiederanknüpfung an den Nationalsozialismus freundlicher gegenüberstehen und für offensichtlichen Antisemitismus offener sein würde. 2001 erschien „Vom Wesen der Wahrheit“, das, wie Rastier schreibt, ein „Programm der ‚völligen Vernichtung‘ des inneren Feindes“ und eine „rassische Definition der Wahrheit“ liefert, und 2014 erschienen die erstem vier von neun offen antisemitischen und nationalsozialistisch geprägten „Schwarzen Heften“, die die Edition der Gesamtausgabe abschließen sollen:
„Die Bestätigungen, die sich in den Schwarzen Heften finden, betreffen nicht nur die antisemitischen Themen, sondern auch das Verhältnis der Heideggerschen Philosophie zum Nationalsozialismus, der wegen seiner Barbarei verherrlicht wird:‚Der Nationalsozialismus ist ein barbarisches Prinzip. Das ist sein Wesentliches und seine mögliche Größe.‘()“ (Rastier 2017, S.129)
Die bisherige Apologie der Heideggerianer, die zwischen dem Nationalsozialisten und dem Philosophen Heidegger zu trennen versuchen, ist angesichts seiner Schreibtechnik und seines Editionsplans endgültig hinfällig:
„Nun machen es aber die Schwarzen Hefte unmöglich, den Denker vom Nationalsozialismus zu trennen. Durch die esoterische Strategie, die des Meisters Veröffentlichungsplan bestimmt, ist ihre Bestimmung die Enthüllung und die Erfüllung der Prophetie, die der Autor in den 93 vorangehenden Bänden aufgebaut hatte.“ (Rastier 2017, S.132)
Der von Rastier gewählte Buchtitel „Schiffbruch eines Propheten“ erweist sich angesichts dessen, daß sich Heidegger selbst nicht als gescheitert wahrnahm und auch zeitlebens sich nie für seine nationalsozialistischen ‚Verstrickungen‘ entschuldigt hat, als unzutreffend, wie Rastier in einer Anmerkung einräumt. (Vgl. Rastier 2017, S.17 (Anm.13)) – Heidegger ist kein Gescheiterter! Man liest und zitiert ihn mehr denn je.

Wenn ich in meinem Freundeskreis die „Schwarzen Hefte“ anspreche, muß ich zu meiner Verwunderung immer wieder erläutern, worum es sich bei diesen Heften genau handelt. Sogar bei Intellektuellen und Akademikern fehlt bislang eine entsprechende Kenntnis der aktuellen Sachlage zu Heideggers Schriften. Aber immerhin ist in Deutschland das Problembewußtsein, aufgrund der „Entnazifizierung“, wie Rastier schreibt (vgl. Rastier 2017, 114), größer als in Frankreich oder in den ehemaligen „Achsenmächten“ Japan und Italien:
„Sein Glanz lebt in den Ländern der früheren Achsenmächte fort, von Italien, mit dem ‚schwachen Denken‘ der politischen Theorie von Vattimo oder Agamben, bis nach Japan, bei so verschiedenen Autoren wie Bin Kimura in der Psychopathologie, Tetsuro Watsuji in der Ethik und Keiji Nishitani in der religiösen Ontologie.“ (Rastier 2017, S.179)
Immer wieder überrascht Rastier den Rezensenten mit Namen von Heideggerianern, die in meinen Ohren einen guten Klang haben, wie den im letzten Zitat erwähnten Keiji Nishitani, oder auch von Nicht-Heideggerianern wie Axel Honneth, der Heidegger trotz aller Kritik zubilligt, auf „den Zusammenhang des instrumentellen Denkens mit der Technik“ hingewiesen zu haben. (Vgl. Rastier 2017, S.149) Rastier verweist immer wieder auf Heideggers Wissenschaftsfeindlichkeit, wobei er auch, vorschnell wie ich finde, jede Wissenschaftskritik als irrational und anti-humanistisch klassifiziert. Auf diese Problematik werde ich im nächsten Blogpost detaillierter eingehen.

Insgesamt richtet sich Rastier vor allem an seine Landsleute, die französischen Intellektuellen, die er mit seiner explizit nicht textimmanenten, sondern in erster Linie und im besten Sinne ideologiekritischen Auseinandersetzung mit der Heideggerschen ‚Ontologie‘, die dem Prophetentum den Vorrang gegenüber der Philosophie einräumt, zu einer kritischeren Rezeption Heideggers auffordert. Vor jeder Lektüre von Heideggers ‚Werk‘, so Rastier, sollte die Frage stehen:
„Wie ist das bis jetzt veröffentlichte Werk zu charakterisieren? Es ist dies auch eine hermeneutische Frage: soll man es interpretieren, obwohl sein Autor sich dagegen sperrt, und nach welchen Prinzipien?“ (Rastier 2017, S.14)
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Montag, 4. September 2017

Peter Spork, Gesundheit ist kein Zufall. Wie das Leben unsere Gene prägt: die neuesten Erkenntnisse der Epigenetik, München 2017

4. Nachtrag

Um herauszufinden, ob sich Traumata auf unser Epigenom auswirken, haben Forscher folgendes Experiment mit Ratten durchgeführt:
„Die Nager wurden zweimal im Abstand von zehn Tagen in durchsichtige Plexiglasröhren gesteckt, durch die sie noch gut Geräusche und Gerüche wahrnahmen, in denen sie sich aber nicht mehr bewegen konnten. Dann setzten die Forscher die Ratten, die durch das Plexiglas zumindest körperlich geschützt waren, für eine Stunde zu einer Katze in den Käfig. Damit die Raubtiere sich auch ganz bestimmt für ihre potenzielle Beute interessierten, war die Röhre auch noch mit Katzenfutter bestrichen.“ (Spork 2017, S.59f.)
Wenn wir sehen, wie Kinder Tiere quälen, z.B. Frösche aufblasen und platzen lassen, würden wohl die meisten von uns einschreiten. Aber abgesehen davon: Kinder sind nun mal grausam. Nicht immer, aber gelegentlich schon. Manchmal aus Unachtsamkeit, manchmal mit voller Absicht. – Aber was sollen wir davon denken, wenn sich Wissenschaftler so verhalten?

Wenn Wissenschaftler sich solche Experimente ausdenken und sie tatsächlich durchführen: Was macht das dann mit derem Epigenom? Welche Gene werden bei ihnen abgeschaltet? Nimmt vielleicht ihre Empathie Schaden? Haben sie überhaupt Empathie? Gibt es ein spezielles Wissenschaflterepigenom? – Diese Frage wäre es wert, einmal genauer untersucht zu werden.

Natürlich hatten die Forscher gute Gründe dafür, die betreffenden Ratten zu traumatisieren. Aber gibt es nicht andere Möglichkeiten, etwas über Traumata herauszufinden? Ich weiß nicht, was ich mit Ergebnissen anfangen soll, die aus solchen Torturen gewonnen werden.

Konrad Lorenz hat mal beschrieben, wie er als Biologiestudent eine lebende Ratte sezieren mußte. Danach hatte er Alpträume. Gut so! Eine menschliche Reaktion.

Sonntag, 3. September 2017

Peter Spork, Gesundheit ist kein Zufall. Wie das Leben unsere Gene prägt: die neuesten Erkenntnisse der Epigenetik, München 2017

1. Zusammenfassung
2. Integral und Anachronismus
3. Freiheit und Intuition

Ein starkes Motiv, diesen Blog zu betreiben, bestand für mich von Anfang an darin, dem Naturalismus der Naturwissenschaften etwas entgegenzusetzen. Nichts scheinen nämlich die Naturwissenschaftler, zumindest der Mainstream, lieber zu tun, als dem Menschen seine Freiheit abzusprechen und ausschließlich die ‚Fakten‘ zu beachten, die für einen rigiden Determinismus sprechen. Umso erfreuter war ich gewesen, als ich vor acht Jahren mit Peter Sporks Buch „Der zweite Code“ (2009) auf ein biologisches Phänomen, auf das Epigenom, aufmerksam gemacht wurde, das für die Freiheit des Menschen und damit für seine Würde spricht. Spork bringt es in seinem aktuellen Buch auf den Punkt:
„Die Gene entscheiden nicht über uns. Sie sind nicht unser Schicksal. Wir sind nicht ihre Marionetten.“ (Peter Spork 2017, S.81)
Die Gene können Spork zufolge schon deshalb nicht über den Phänotyp – und dazu ist nicht nur die Anatomie und Morphologie, sondern auch die individuelle Persönlichkeit des Menschen zu zählen – entscheiden, weil das „Potenzial in den Genen aller Menschen ... nahezu gleich (ist)“. (Vgl. Spork 2017, S.81) Schätzungen gehen davon aus, daß 99 % bis zu 99,9 % der Gene bei allen Menschen identisch sind. Zwillingsstudien erübrigen sich an dieser Stelle. Man kann nicht im Ernst glauben, daß 100 % hier noch einen Unterschied machen. Mit Schimpansen teilen wir mehr als 98 % aller Gene. (Vgl. Spork 2017, S.74f.) Hier kann eigentlich nur noch das Epigenom den entscheidenden Unterschied im Phänotyp von Schimpansen und Menschen machen. Berücksichtigt man auch das Y-Chromosom, dann sind Männer mit Schimpansen enger verwandt als mit ihren Ehefrauen.

Ich denke, man kann mit guten Gründen behaupten, daß das Epigenom das biologische Substrat der menschlichen Persönlichkeit bildet. Es ist so plastisch, daß sich Muskeln auf molekularbiologischer Ebene innerhalb von zwanzig Minuten anpassen, wenn wir mal mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zur Arbeit fahren. (Vgl. Spork 2017, S.344) Das Epigenom sorgt für ein „teils hochdynamische(s), teils lang anhaltende(s) Zusammenwirken() von Erbe und Umwelt“:
„Unser Handeln wirkt. Immer!“ (Spork 2017, S.49)
Und unser Handeln beginnt, wie Spork schreibt, mit der Geburt. (Vgl. Spork 2017, S.222) Letztlich, so Spork, geht es in seinem Buch um Freiheit:
„Wir können selbst bestimmen, was wir im Dienst unserer Gesundheit tun oder lassen. Es sind die frei aus unserer eigenen Verantwortung heraus getroffenen Entscheidungen, die zählen.“ (Spork 2017, S.341)
Deshalb will Spork auch keine Rezepte für eine verantwortungsvolle und gesunde Lebensführung empfehlen. Gesundheit ist Spork zufolge ein Persönlichkeitsmerkmal, und gerade deshalb bedeutet sie für jeden Menschen etwas anderes:
„Bemerken möchte ich allerdings, dass mir Dogmatismus an dieser Stelle völlig unangebracht erscheint. Menschen sind Organismen, nicht mehr – aber auch nicht weniger. Und als solche sind sie von Natur aus darauf angelegt, sich im Rahmen einer großen Bandbreite von Umweltreizen gut zurechtzufinden und gesund zu entwickeln.“ (Spork 2017, S.258)
Sowohl im Bereich der Gesundheit wie auch im Bereich der Intelligenz hilft uns Statistik nicht weiter – und die ist das hauptsächlichste Erkenntnisinstrument in diesen Bereichen –, weil Durchschnittswerte bei unseren Entscheidungen, wie wir persönlich und konkret unser Leben führen wollen, für uns bedeutungslos sind. Ausgerechnet da, wo es ganz konkret um uns selbst geht, kann es sein, daß für die eigene Person der Mittelwert keine Gültigkeit hat. So hat sich inzwischen der Einfluß des BMI auf unsere Lebenserwartung geändert. Es ist nicht mehr das Idealmaß, das die höchste Lebenserwartung verheißt:
„Das Körpergewicht in Bezug zur Körpergröße bei dem Menschen rein statistisch die höchste Lebenserwartung haben, steigt an. Nach einigen Studien liegt es inzwischen sogar im Übergewichtsbereich.“ (Spork 2017, S.120)
Wer übergewichtig ist, kann gesund sein, wer ein Idealgewicht hat, kann krank sein. Worauf es bei unserer Lebensführung ankommt, so Spork, ist unsere persönliche Intuition, was gut für uns ist:
„Dieses Buch soll erklären, motivieren, faszinieren, helfen, uns besser zu verstehen. Aber es sucht keine Schuldigen und liefert keine stupiden Gebrauchsanweisungen. (Ich bin ohnehin der Meinung, dass jeder Mensch im Grunde ein intuitives Gespür dafür hat, was für ihn und seine Gesundheit gut ist und was nicht.)“ (Spork 2017, S.24)
Spork hält allerdings fest, daß uns seit der Steinzeit das Gespür für das, was gut für uns ist, abhanden gekommen ist:
„Weil unsere genetischen Programme aber noch immer aus der Steinzeit stammen (die Evolution ist nun mal langsam), fehlt es uns am geeigneten Sensorium für die Gefahren des modernen Lebensstils.“ (Spork 2017, S.343)
An dieser Stelle begibt sich Peter Spork auf dünnes Eis. Aus unserer verminderten Intuition schlußfolgert er, daß wir technischer Sensorien bedürfen, die uns Tag für Tag den aktuellen Stand unserer Fitneß mitteilen und bei Bedarf zu geeigneten Gegenmaßnahmen auffordern:
„Tragen Sie nicht längst eines dieser hippen Fitness-Armbänder, um am Abend darauf nachzuprüfen, ob Sie Ihre 10.000 Schritte pro Tag gemacht haben, und gehen Sie im Zweifel noch ein Ründchen um den Block? Lassen nicht auch Sie sich von Ihrem kleinen privaten Gesundheits-Kalkulater am Morgen berechnen, ob Sie nachts zuvor ausreichend Tief-, Leicht- und REM-Schlaf bekommen haben? Freuen Sie sich nicht auch, wenn Ihr handliches elektronisches Rundum-Überwachungssystem Ihnen bestätigt, dass Blutdruck und Herzfrequenz schon seit 48 Stunden im Optimalbereich sind?“ (Spork 2017, S.104)
Spork begrüßt diesen Trend ausdrücklich:
„Ich finde ihn überwiegend positiv, denn letztlich erweitern die Fitness-Armbänder unsere Sinne. ... Die Evolution ist viel zu langsam. Sie hat uns noch nicht mit den passenden Sinnesorganen ausgestattet ... Da ist es doch nur hilfreich, wenn wir uns dank kultureller und technischer Evolution mittlerweise per Fitness- und Activity-Tracker mit dem nötigen Feedback selbst versorgen.“ (Spork 2017, S.104f.)
Spork berücksichtigt an dieser Stelle nicht, daß wir die Askese und die Disziplin, die eine intuitive Achtsamkeit auf unsere Bedürfnisse ermöglichen, an eine Technologie auslagern (exteriorisieren), die zugleich unsere Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen, bedroht, wie Spork nur wenige Absätze weiter selbst zugibt:
„‚Unsere Gesundheitsdaten von heute sind einer der größten Wirtschaftsfaktoren von morgen‘, warnt der Molekular- und Systembiologe Ernst Hafen von der ETH Zürich. Er rät, extrem zurückhaltend mit der Herausgabe seiner Daten zu sein.“ (Spork 2017, S.105) 
Askese und Disziplin sind ein derart grundlegendes Moment jeder Willensbildung und damit letztlich auch der Handlungsfreiheit, daß ihre Auslagerung auf Geräte unsere Menschlichkeit untergräbt. Wer sich darin nicht übt und auf diese Weise sich mit sich selbst konfrontiert, kann kaum Anspruch auf Freiheit und Würde erheben. Ich bin der Ansicht, daß wir jederzeit vor der Entscheidung stehen, inwieweit wir den Einfluß technologischer Innovationen auf unsere Lebensführung begrenzen und vielleicht sogar umkehren müssen, wenn wir uns unsere Menschlichkeit bewahren wollen.

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Samstag, 2. September 2017

Peter Spork, Gesundheit ist kein Zufall. Wie das Leben unsere Gene prägt: die neuesten Erkenntnisse der Epigenetik, München 2017

1. Zusammenfassung
2. Integral und Anachronismus
3. Freiheit und Intuition

Peter Spork verwendet den schönen Begriff des Integrals, um damit das Zusammenwirken des aktuellen individuellen „Handelns“, der „Erfahrungen der Vorfahren“, der „Zeit im Mutterleib“ und der „ersten wichtigen Monate() und Jahre() nach der Geburt“ und des „ganzen langen Rest(s) des eigenen Lebens“ zu beschreiben. (Vgl. Spork 2017, S.23) Ich denke, daß Spork damit auch auf den Umstand hinweist, daß es insbesondere das individuelle Handeln, also das Individuum ist, das als Subjekt, das sein Leben führt, dieses Zusammenwirken vollbringt.

Spork führt in dieser Aufzählung drei wichtige Entwicklungsebenen auf: (1) das Individuum und sein Handeln, (2) die Vorfahren, zu denen nach den bisherigen Ergebnissen der Epigenetik etwa drei Generationen bis zu den Urgroßeltern (vgl. Spork 2017, S.330) und außerdem die perinatale Prägung zu zählen wären, die Spork zufolge sich nicht nur auf die Monate nach der Geburt erstreckt, sondern auch die ersten drei Monate vor der sogenannten Zeugung umfaßt und das Verhalten der zukünftigen Eltern und deren Einfluß auf die Keimzellbildung betrifft (vgl. Spork 2017, S.142); und schließlich (3) haben wir es mit der das ganze Leben umfassenden Entwicklung eines Individuums zu tun, das sich bis zum Schluß epigenetisch auf sein biologisches Erbe auswirkt.

Die eigentliche genetische Ebene, also die DNA, bildet die im engeren Sinne biologische Evolution; sie verläuft auf der Basis zufälliger Mutationen. Peter Spork faßt sie nochmal mit den anderen Ebenen in einem Dreiklang aus „Genetik, Epigenetik und Umwelt“ zusammen. (Vgl. Spork 2017, S.172) Die Epigenetik besteht in den beiden Formen der mehrere Generationen (Großeltern bis Urenkel) umfassenden transgenerationellen Epigenetik und der individuellen, die perinatale Prägung und die spätere individuelle Entwicklung eines Menschen umfassenden Epigenetik. Die perinatale Prägung bildet einen Übergangsbereich zwischen transgenerationeller und individueller Epigenetik. Wir haben es also mit zwei verschiedenen, über die perinatale Prägung miteinander verbundenen Formen der Epigenetik und je nach Zählung mit drei oder mit vier verschiedenen Entwicklungsebenen zu tun.

Peter Spork zufolge bezieht sich die klassische Genetik im engeren Sinne nur auf jene ‚Gene‘, die Proteine codieren. Auf molekularbiologischer Ebene ist die Produktion von Proteinen immer noch komplex genug. Aber mit dem späteren Phänotyp, also der individuellen menschlichen Persönlichkeit, hat diese klassische Genetik wenig bis gar nichts zu tun. Wenn es um wirklich komplexe Persönlichkeitsmerkmale wie Gesundheit und Intelligenz geht, ist die Epigenetik zuständig. Man kann Peter Spork sicherlich so verstehen, daß das Epigenom das biologische Substrat der menschlichen Persönlichkeit bildet. Es ist bis ins Alter – wenn auch zunehmend weniger – plastisch, also durch Umwelteinflüsse und individuelles Verhalten formbar:
„Im Gegensatz zu Veränderungen der DNA, sogenannte Mutationen, sind Veränderungen der epigenetischen Strukturen grundsätzlich reversibel. Diese Umkehrbarkeit ist einer der Wesenszüge der Epigenetik.“ (Spork 2017, S.351)
Die Epigenetik bildet Spork zufolge eine „Brücke zwischen biologischen und sozialen Prozessen“. (Vgl. Spork 2017, S.73ff. und S.99) Sie nimmt also bei Spork genau die Rolle ein, die in meinem Modell der drei Entwicklungsebenen das Individuum einnimmt, wobei ich beim Individuum weniger von einer ‚Brücke‘ als vielmehr von einem ‚Schlachtfeld‘ spreche, um damit den Anachronismus zwischen Biologie und Kultur hervorzuheben. Letztlich läuft es auf eine gleiche Aufgabenbestimmung für das Individuum hinaus: es muß sein Leben führen! Peter Spork bringt das folgendermaßen auf den Punkt:
„Die Gene entscheiden nicht über uns. Sie sind nicht unser Schicksal. Wir sind nicht ihre Marionetten.“ (Spork 2017, S.81)
Vielleicht kann man ja soweit gehen und die Behauptung aufstellen, daß angesichts der Zivilisationskrankheiten der von mir angedachte Anachronismus zwischen den Entwicklungsebenen ein Ergebnis der letzten 10.000 Jahre ist, während der Steinzeitmensch noch in Eintracht mit seiner Biologie lebte. Hier stehen zwei konträre Fakten gegeneinander: die Zivilisationskrankheiten wie Fettsucht, Allergien, Asthma und Krebs, unter denen insbesondere der zeitgenössische Mensch leidet. (Vgl. Spork 2017, S.20f., 180f. u.ö.) Auf der Habenseite des zeitgenössischen Menschen steht hingegen eine verdoppelte und verdreifachte Lebenserwartung. Das mag man interpretieren wie man will: eine hohe Lebenserwartung war jedenfalls aus biologischer Perspektive nicht vorgesehen. Und gerade die Hygienemaßnahmen, die zur hohen Lebenserwartung beitragen, führen selbst wiederum zu neuen, früher unbekannten Allergien und weiteren gegen den eigenen Körper gerichteten Immunreaktionen. Man könnte also mit gutem Grund behaupten, daß die sogenannten ‚Volkskrankheiten‘ das medizinische Äquivalent zum Anachronismus der Entwicklungsebenen bilden.

Umso wichtiger ist die individuelle Lebensführung, und zu den wichtigsten Faktoren, die unsere Epigenetik positiv beeinflussen, zählt Peter Spork Bewegung (Laufen und Fahrradfahren), Pflege sozialer Beziehungen (zu denen gewiß nicht Facebook gehört) und eine ausgewogene Ernährung. (Vgl. Spork 2017, S.36f., 86, 181ff., 344f.u.ö.) Peter Sporks Ausführungen bieten für mich den Anlaß und die Grundlage für eine überarbeitete Graphik zu den Entwicklungsebenen.

Mit dieser überarbeiteten Graphik möchte ich die spezifische Position der individuellen Entwicklung (Ontogenese) zwischen ‚Erbe‘ und ‚Umwelt‘ bzw. zwischen Biologie und Kultur veranschaulichen. Das menschliche Individuum ist durch Handlungsfreiheit gekennzeichnet:
„Durch die Geburt werden die Kinder schlagartig zu Handelnden.“ (Spork 2017, S.222)
Handlungsfreiheit bedeutet, daß die Menschen auf der Basis von Intuitionen und des eigenen Verstandesurteils in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen und ihr Leben zu führen. Dabei sind die Freiheitsgrade des Säuglings natürlich gering, und sie steigern sich mit Alter und Bildung. Natürlich ist die Freiheit des Menschen biologisch begrenzt. Aber nicht nur biologisch, sondern auch kulturell. Diese beiden Ebenen, Biologie und Kultur, stellen ihre eigenen Ansprüche an das Individuum, und es muß lernen sich ihnen gegenüber zu behaupten, weshalb ich bei der Verhältnisbestimmung der Entwicklungsebenen dazu neige, von einem Anachronismus zu sprechen.

Mit der kulturellen Evolution meine ich generell alle Umwelteinflüsse, denn wir leben in einer menschengemachten Welt, in der die Natur selbst nur bei (oft genug menschengemachten) Naturkatastrophen in Erscheinung tritt. Der Mensch definiert sich über seine Herkunft, also über seine Geschichte. Diese Selbstbestimmung ist weniger rational als mythologisch begründet. Hinzu kommen die ebenfalls kulturellen, aber eben auch epigenetisch bestimmten Einflüsse der Familie und der Lebenswelt. Diese kulturell-biologische Einflußnahme beginnt mit der perinatalen Prägung des Embryos im Mutterleib.

Die biologische Evolution des Menschen, seine Phylogenese, beginnt spätestens mit der Entwicklung der Primaten. Die DNA bildet das biologische Material, mit dem epigenetische Prozesse arbeiten. Beide Ebenen beeinflussen sich also wechselseitig (Doppelpfeil). Die biologische Evolution verläuft auf der Basis zufälliger Mutationen und ist ziellos. Eine Voraussage ist nicht möglich. Werden wir unsere Menschlichkeit behaupten oder mündet unsere Evolution in einer transhumanen ‚Lebensform‘, wenn dann überhaupt noch von Lebensformen die Rede sein kann? Steht am Ende die Apokalypse?

Eins scheint mir zunehmend gewisser: wenn wir unsere Menschlichkeit behaupten wollen, brauchen wir eine Begrenzung und Neuorientierung der technologischen Innovationen.

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Freitag, 1. September 2017

Peter Spork, Gesundheit ist kein Zufall. Wie das Leben unsere Gene prägt: die neuesten Erkenntnisse der Epigenetik, München 2017

1. Zusammenfassung
2. Integral und Anachronismus
3. Freiheit und Intuition

Den Haupttitel von Peter Sporks Buch, „Gesundheit ist kein Zufall“ (2017), könnte man noch mißverstehen: ‚kein Zufall‘ könnte auch meinen ‚in den Genen festgelegt‘. Wer also Krebs oder eine Diabetes bekommt, hätte sowieso nichts daran ändern können, weil sein Schicksal schon vor der Geburt festgelegt gewesen war. Das ist aber ein Mißverständnis. Es ist vor allem der Untertitel, „Wie das Leben unsere Gene prägt“, der Sporks Hauptthese zweifelsfrei auf den Punkt bringt: Nicht die Gene prägen uns und unser Leben, sondern umgekehrt wir selbst und unser Leben, das wir führen, prägen die Gene!

Die Gene, also die DNA, bilden zwar einen Faktor in unserem Leben. Sie bilden das Fundament, auf dem das Leben von Generation zu Generation weitergegeben wird, und es sind ihre Zufallsmutationen, die die biologische Evolution vorantreiben. Aber sie bilden eben nur einen Faktor, das „Erbe“, wie Spork es ausdrückt; einen Faktor innerhalb einer Multiplikation, zu der zwei weitere Faktoren gehören, Umwelt und Epigenetik, deren gemeinsames Produkt Null ergibt, wenn nur einer dieser Faktoren auf Null gesetzt wird. (Vgl. Spork 2017, S.80)

Das „Zusammenspiel aus Genetik, Epigenetik und Umwelt“ (Spork 2017, S.172) erinnert an die Logik der Entwicklungsebenen, wie ich sie diesem Blog zugrundelege. Darauf werde ich im nächsten Blogpost detaillierter eingehen. Für jetzt möchte ich lediglich festhalten, daß das Epigenom das biologische Substrat der menschlichen Persönlichkeit bildet. Im Unterschied zum Genom ist das Epigenom enorm plastisch, wie übrigens auch das Gehirn, das ja ebenfalls von diversen ‚Fachleuten‘ gerne für einen mechanistischen Determinismus in Anspruch genommen wird, in dem es keine Handlungs- und keine Willensfreiheit gibt. Das Epigenom paßt sich über das ganze Leben eines Individuums hinweg an dessen Lebensstil und damit an dessen Entscheidungen an. Wenn sich jemand entscheidet, statt wie gewöhnlich mit dem Auto mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren, verändert sich die Molekularbiologie seiner Muskeln „binnen zwanzig Minuten“. (Vgl. Spork 2017, S.44)

Darüberhinaus ‚erinnern‘ sich die Muskelzellen an die Radfahrt und behalten die Veränderungen bei. Jedoch nicht über längere Zeit. Wenn ich wieder aufs Auto umsteige, wird die Molekularbiologie der Muskeln auf den ursprünglichen Zustand zurückgestellt. Das aber heißt: die Epigenetik ist reversibel, also plastisch, formbar, durch unser Handeln beeinflußbar:
„Diese Umkehrbarkeit ist einer der Wesenszüge der Epigenetik.“ (Spork 2017, S.351)
Gesundheit ist also Spork zufolge weder ein Zufall noch ein Schicksal. Sie bildet vielmehr einen komplexen und beständigen Anpassungsprozeß an Umwelteinflüsse und an unseren Lebensstil:
„Gesundheit ist nicht das Gegenteil von Krankheit. Sie ist ein Prozess. Sie ist Anpassungsfähigkeit, geglückte Prägung und Widerstandskraft, resultiert aus einer ausgeglichenen Persönlichkeit und bewirkt diese zugleich. Gesundheit ist also auch das Potenzial, mit einer Krankheit möglichst gut und lange auszukommen oder sie so rasch und effektiv wie möglich zu überwinden.“ (Spork 2017, S.328)
Alles, was Gene können, ist der unter Wissenschaftlern verbreitetsten Auffassung zufolge, Proteine herzustellen. Von da ist es aber noch ein weiter Weg zu einer menschlichen Person, und dafür ist die Epigenetik zuständig. Überall, wo wir es mit einer Komplexität zu tun haben, bei der mehrere, ja sogar tausende von Genen zusammenarbeiten müssen, haben wir es mit Epigenetik zu tun, die „Genaktivierbarkeitsmuster“ festlegt; d.h. sie legt fest, welche Gene gedimmt und welche Gene empfangsbereit gemacht werden:
„Wir vererben mehr als unsere Gene. Wir sind, was lange nur vermutet wurde, tatsächlich in der Lage, Informationen über ganze Genaktivierbarkeitsmuster weiterzugeben – und damit auch die Programme, aus denen Gesundheit entsteht.“ (Spork 2017, S.331f.)
Wenn Spork hier von der Weitergabe von Genaktivierbarkeitsmustern spricht, dann meint er damit die transgenerationelle Epigenetik. Anders als die Evolutionsbiologen bisher meinten, scheint es nämlich die nach August Weismann (1834-1914) benannte „Weismann-Barriere“, die die DNA vor Umwelteinflüssen schützt, nicht zu geben. (Vgl. Spork2017, S.264ff., 275, 306f.) Bislang glaubte man, daß die DNA an zwei Stellen vor Umwelteinflüssen geschützt sei: bei der Entstehung der Keimzellen und bei der sogenannten Zeugung, wo das Genom komplett demethylisiert wird. Tatsächlich sind die Hinweise, daß dennoch individuell erworbene Erbinformationen auf die nachfolgenden Generationen übertragen werden, aber inzwischen zu zahlreich, als daß das so einfach stimmen kann. Zumindestens scheint es „Zonen“ im Genom zu geben, „die von der Reprogrammierung ausgenommen sind“. (Vgl. Spork 2017, S.306)

Zu den komplexen Persönlichkeitsmerkmalen, die sich in epigenetischen Genaktivierbarkeitsmustern niederschlagen, gehören die Gesundheit und die Intelligenz. Was die Intelligenz betrifft, räumt Spork mit mehreren Mythen auf. Dazu gehört die Auffassung, daß sich die Genome – und mit ihnen die Intelligenz – von verschiedenen Kulturen unterscheiden. Spork verweist auf die von Thilo Sarrazin angestoßene Debatte, „Deutschland werde immer dümmer, wenn zunehmend Menschen aus niedrigen Schichten und anderen Kulturkreisen einwanderten“. (Vgl. Spork 2017, S.73)

Sarrazin begeht hier einen logischen Fehler: er führt den kulturellen Phänotyp auf den biologischen Genotyp zurück. (Vgl. Spork 2017, S.78) Die Unterschiede zwischen Gruppen sind aber niemals biologisch, sondern immer sozial begründet; aus einem einfachen Grund: alle Menschen auf der ganzen Welt sind zu 99 %, möglicherweise zu 99,9 % genetisch identisch! (Vgl. Spork 2017, S.74) Intelligenz gehört aber zu den komplexesten Persönlichkeitsmerkmalen und wird wahrscheinlich durch das (epigenetische) Zusammenspiel von Tausenden von Genen bestimmt. Werden die Umwelteinflüsse konstant gehalten, wachsen die Kinder also im gleichen sozialen Umfeld auf, macht der Unterschied gerade mal drei bis fünf Punkte auf der IQ-Skala aus, „und dieser Unterschied ist letztlich belanglos“. (Vgl. Spork 2017, S.80)

Der Unterschied zwischen verschiedenen Gruppen, auch der Unterschied der ‚Intelligenz‘ – was immer das sein mag –, ist Spork zufolge zu hundert Prozent sozial bedingt. (Vgl. Spork 2017, S.79)

Was mir an Peter Sporks Buch so gefällt: es gibt dem Menschen seine Freiheit und damit seine Würde zurück. Es ist wieder der Mensch, der sein Leben führt, und nicht die ‚Gene‘ bzw. das, was die Evolutionsbiologen dazu denken, womit sie sich eine Autorität anmaßen, die alle anderen, uns Laien nämlich, entmündigt. Spork bringt es auf den Punkt:
„Die Gene entscheiden nicht über uns. Sie sind nicht unser Schicksal. Wir sind nicht ihre Marionetten.“ (Spork 2017, S.81)
Auch dazu mehr in einem der folgenden Posts.

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Samstag, 5. August 2017

Aleida Assmann, Formen des Vergessens, Göttingen 2016

1. Zusammenfassung
2. Gestaltwahrnehmung
3. Palimpsest-Städte
4. gebrochene Biographien
5. Breite Gegenwart

Aleida Assmann zufolge hat das Internet zu einer „menschheitsgeschichtliche(n) Zäsur“ in Form einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs geführt: zum Recht auf Vergessen. (Vgl. Assmann 2016, S.187f.) Damit wird erstmals das Vergessen höher bewertet als das Erinnert-Werden. Assmann zeichnet in ihrem letzten Kapitel (vgl. Assmann 2016, S.197-220) die bisherige medienkritische Auseinandersetzung mit dem Umgang mit Daten im Internetzeitalter nach. Die Hauptgefahr sehen die Medienkritiker in der grenzenlosen Speicherkapazität, die die „bestehende Ökonomie zwischen Erinnern und Vergessen“ außer Kraft setzt. (Vgl. Assmann 2016, S.203) Die Kritiker verweisen darauf, daß „technische Maschinen die Kontrolle über die Sortierung des gespeicherten Datenvorrats übernommen haben“. (Vgl. ebenda)

Assmann wendet gegen diese Kritik ein, daß all der Forschritt in der Informationstechnologie nicht den fundamentalen Unterschied zwischen Speichern und Erinnern aufzuheben vermag:
„Speichern kann an technische Maschinen abgegeben werden, Erinnern dagegen können nur Menschen, die unverwechselbare Standpunkte, eingeschränkte Perspektiven, sowie Erfahrungen, Gefühle und Ziele haben.“ (Assmann 2016, S.215)
An dieser Stelle argumentiert Assmann instrumentell: technische Medien sind nur Mittel, und es kommt auf den Menschen an, wie er sie verwendet. Das beinhaltet eine gewisse Naivität hinsichtlich des persönlichkeitsformenden Umgangs mit dem Internet:
„Das Internet hat aber nicht die Macht, Identitäten abzuschaffen oder gleichzuschalten; vielmehr kann es so oder so in den Dienst von Identitäten gestellt werden.“ (Assmann 2016, S.215)
Assmanns Fazit bleibt angesichts dessen, was sie sonst zur bereits erwähnten „menschheitsgeschichtliche(n) Zäsur“ zu sagen weiß, zumindestens in dieser Hinsicht, gleichermaßen pragmatisch wie unbefriedigend:
„Erinnern und Vergessen bleiben also weiterhin eng miteinander verschränkt, und das heißt, dass es eine volle Kontrolle über das Gedächtnis, sei es nun das neuronale, psychologische, soziale, politische, technische oder kulturelle, nicht so bald geben wird.“ (Assmann 2016, S.224)
Ein anderer Ansatz ihrer Argumentation führt da etwas weiter: er bezieht sich auf die Problematik von „Dead Data“. (Vgl. Assmann 2016, S.200) Gerade aufgrund der ungeheuren digitalen Speicherkapazitäten sammeln sich im Internet immer mehr personenbezogene Daten an, die nicht mehr aktuell sind, weil die betreffenden Menschen inzwischen verstorben sind:
„Da keine flächendeckend angestellten Internet-Kuratoren am Werk sind, gibt es bereits Millionen von Seiten verkümmerter, abgelegter, nicht aktualisierter Informationen im Internet.“ (Assmann 2016, S.200f.)
Das bezieht sich nicht nur auf die „ca 8000 Facebook-Mitglieder“, die täglich sterben (vgl. Assmann 2016, S.201), sondern auch auf biographische Veränderungen wie das Ende einer Beziehung, weil eine umfassende Löschung aller diese Beziehungen betreffenden Daten praktisch unmöglich ist. Für die verstorbenen Facebook-Mitglieder stellt Facebook übrigens eine „Memorialisierungsfunktion“ zur Verfügung (vgl. ebenda), so daß absehbar ist, daß dieses und andere Netzwerke irgendwann zu riesigen Friedhöfen ausufern werden; denn, so Assmann, das „Leben im Biologischen und Materiellen“ besteht ja jenseits des Digitalen weiter fort. (Vgl. Assmann 2016, S.214) Assmann zitiert Luciano Floridi:
„Die Hälfte unserer Daten ist Schrott, wir wissen nur nicht welche!()“ (Assmann 2016, S.202)
Aleida Assmann kommt zu dem Schluß, daß „das ganze gewohnte Zusammenspiel zwischen Erinnern und Vergessen, das die Gesellschaft bislang geprägt hat, ... im Internet in Unordnung geraten (ist)“. (Vgl. Assmann 2016, S.203) An die Stelle einer dynamischen Gegenwart, die beständig zur Vergangenheit hin entschwindet und sich zugleich in eine ungewisse Zukunft hinein erstreckt, ist die Stagnation einer ‚breiten‘ Gegenwart getreten, in der sich nichts mehr sedimentiert. (Vgl. Assmann 2016, S.214)

Das hört sich paradox an, denn die unbegrenzte Speicherkapazität im digitalen Raum könnte eigentlich das Gegenteil vermuten lassen. Und tatsächlich findet sich eine entsprechende Feststellung, in der Assmann von einem „neue(n) Zeitmodus“ spricht, in dem es uns „nicht mehr gelingt, ‚irgendeine Vergangenheit hinter uns zu lassen‘.“ (Vgl. Assmann 2016, S.209) Aber abgesehen davon, daß es schwierig ist, vorhandene Daten restlos zu löschen, ist es recht einfach, sie zu überschreiben. Nichts ist im Internet so restlos vergangen, daß nicht wieder darauf zugegriffen werden könnte, um es zu aktualisieren und so jede Spur dessen, was war, zu vernichten:
„Das Internet, das kraft Verlinkung und Hyperkonnektivität alle Zeits(ch)ichten gleichermaßen präsent hält und uns mit uferlosen Informationsangeboten überschwemmt, hat die Vergangenheit, wie wir sie kannten, außer Kraft gesetzt.“ (Assmann 2016, S.211f.)
Dieser paradoxe Umstand einer einerseits immer aufdringlich bleibenden Vergangenheit und einer andererseits stets überschreibbar bleibenden und damit dem totalen Vergessen überantwortbaren Vergangenheit wird von Aleida Assmann nicht weiter aufgeklärt. Dennoch ist der von Hans Ulrich Gumbrecht eingeführte Begriff der „breite(n) Gegenwart“ für den digitalen Zeitmodus bedenkenswert. (Vgl. Assman 2016, S.209 und S.214) Abgesehen vom Verlust der zeitlichen Dynamik – Gumbrecht vergleicht diese breite Gegenwart „mit einem stagnierenden Teich“ ohne Zufluß und ohne Abfluß –, wäre ich hier erstmals bereit, zuzugestehen, daß es tatsächlich so etwas wie einen persönlichen Umgang mit der digitalen Technologie gibt, der ihr eine besondere Qualität verleiht.

Bei meinem eigenen Blog habe ich über die letzten sieben Jahre hinweg erlebt, wie mir in der breiten Gegenwart meiner digitalen Textproduktion Gedanken präsent geblieben sind, wie ich es in den langen Jahren zuvor mit allen meinen Büchern, die ich bis dahin geschrieben und herausgegeben hatte, nicht erlebt habe. Schriften, die längere Zeit im Regal gestanden und Staub angesetzt hatten, waren in Vergessenheit versunken. Und wenn ich irgendwann zufällig wieder auf sie stieß, war ich erstaunt, was ich da früher einmal gedacht und geschrieben hatte. (Vgl. hierzu meinen Post vom 21.04.2015)

Wenn es damals einen Fortschritt in meinem Denken gab, so vollzog er sich unmerklich, in Form neuer Gedanken, von denen ich kaum ahnte, woher sie mir zuflogen. Seit ich diesen Blog betreibe, vollzieht sich dieser Fortschritt im Denken auch in Bezug auf die Fundamente, eben im Sinne ihrer systematischen Verbreiterung. Insofern kann ich dem Wort ‚breite Gegenwart‘ etwas Positives abgewinnen. Vielleicht sollte ich dabei aber die von Gumbrecht angesprochene Gefahr der Stagnation im Auge behalten und dieses Projekt zeitlich befristen. Seit sieben Jahren betreibe ich den Blog. Vielleicht noch drei Jahre? Zehn Jahre wären eine gute Zahl, und eine Epoche könnte beendet werden.

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