„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Donnerstag, 15. Juni 2017

Skulptura Münster 2017

1. ‚Noch nicht‘
2. Weitere Suchbewegungen
3. Wem gehört der Common Ground?

Ich hatte letzte Woche frei und wollte das unbedingt für einen Besuch der Skulptura in Münster nutzen. Entsprechend enttäuscht war ich, als Annette mir mitteilte, daß die Skulptura erst am Wochenende begann. Das verkürzte die vier Tage, die ich vorgesehen hatte, auf den Samstag, denn am Sonntag war die Rückreise geplant.

Dann dachte ich mir aber, daß die Skulpturen ja schon in den Tagen vorher aufgestellt werden würden. Schließlich konnte man das wohl kaum an einem Tag bewerkstelligen. Da hatte ich allerdings noch ein relativ naives Verständnis von Skulpturen: einigermaßen kompakte Gebilde, die auf festgefügten Fundamenten verschraubt werden und die man gleich als solche erkennt. Ich stellte mir vor, daß ein ganzer Fuhrpark von LKWs und Kränen und Baggern nötig sei, um die 35 Objekte zu installieren.

Ich machte mich also am Mittwoch von meiner ‚Basis‘ aus, mein Elternhaus in der Nähe von Münster, mit meinem Fahrrad auf den Weg, in der Tasche die Photokopie eines Skulpturenplans aus der WN. Ich hatte mir einige Skulpturen auf meiner Route am südöstlichen Rand von Münster ausgesucht und wollte mich von dort aus in das Stadtzentrum vorarbeiten. Als ich mich der Stadtgrenze näherte, begegnete ich auffällig vielen großen blonden Frauen auf großen Fahrrädern, und ich spielte vergnügt mit dem Gedanken, ob sie wohl schon zur Skulptura gehörten, nicht ahnend, was mir bevorstand.

Das erste Objekt, das ich aufsuchte, war noch nicht aufgestellt. Es befand sich noch nicht am Fernmeldeturm, den ich ein paar Mal umradelte, ohne irgendetwas Skulpturenähnliches zu entdecken. Auf der photokopierten WN-Seite war ein Hinweis auf einen Kinderspielplatz, den ich erst fand, als ich eine in der Nähe gärtnernde Einheimische danach fragte. Auf dem Kinderspielplatz befanden sich zwar einige Skulpturen, aber ich bezweifelte, daß Schaukel, Klettergerüst und Rutsche einzeln oder im Verbund etwas mit der Skulptura zu tun hatten.

Die nächste Skulptur, die ich aufsuchte, befand sich am Hansaring. Beziehungsweise sie befand sich ‚noch nicht‘ am Hansaring, wie ich dachte, denn als ich vor dem Tattoo-Geschäft stand, war nichts Skulpturähnliches zu entdecken. Und auch am Hafen, dem nächsten Standort, war weit und breit keine Skulptur, weder diesseits noch jenseits des Hafenbeckens. Am Albersloher Weg erspähte ich auf einer Industriebrache eine Betonkonstruktion, die durchaus eine Skulptur von Oscar Tuazon hätte sein können; allerdings hätte sie genauso gut ein natürlicher Bestandteil der Industriebrache sein können, und es war mir dann zu mühsam, mich über das unwegsame Gelände zu kämpfen, nur um genau das festzustellen.

Da sich die meisten Skulpturen im Zentrum innerhalb des Promenadenrings befinden sollten, machte ich mich dann dorthin auf den Weg. Am ehemaligen Landesmuseum, dem LWL, sollten laut Photokopie gleich drei Skulpturen installiert sein. Ich radelte also zum Domplatz und erkundete die LWL-Fassade sowie den Vorplatz, ohne fündig zu werden. An einem Straßenschild war etwas Undefinierbares angekettet, das durchaus als Skulptur in Betracht kam. Ich stellte also mein Fahrrad ab, um hinzugehen und es genauer zu inspizieren, als mich ein Museumsangestellter aufhielt. Er wies mich darauf hin, daß ich das Fahrrad da nicht stehen lassen könne, weil sonst die Studenten auf die Idee kämen, ebenfalls ihre Fahrräder dort abzustellen. Verständlicherweise, wie ich fand, denn wo sollten die Studenten ihre Fahrräder auch sonst hinstellten: vor dem Fürstenberghaus gegenüber dem LWL hatten sich in früheren Zeiten hunderte und möglicherweise sogar tausende von abgestellten Fahrrädern geballt. Jetzt befand sich da nur noch eine Baustelle und kein einziges Fahrrad mehr.

Aber der Museumsangestellte war so nett und wies mich auf eine Skulptur an der Fassade des LWL von John Knight hin, die ich als solche nicht erkannt hatte: drei in einem Metallrahmen untereinander gruppierte Wasserwaagen an der rechten, schiffsbugähnlich vorspringenden Gebäudekante des LWL. Ich hatte sie als natürlichen Bestandteil der Fassade wahrgenommen. Auch jetzt, nach dem Hinweis des Museumsangestellten, fiel es mir schwer, sie als eigenständige Skulptur zu erkennen.

Auf der anderen Seite des LWL stand ein großer Tieflader mit einem schwarzen Kasten auf der Ladefläche. Am hinteren Teil des Tiefladers war ein Bauarbeiter damit beschäftigt, ein Schild auf dem Pflaster zu verschrauben. Das Schild wies auf eine Skulptur von Cosima von Bonin und Tom Burr hin, die sich an dieser Stelle (noch nicht) befand. Ich linste vorsichtig in die schwarze Kiste auf dem Tieflader, die halb geöffnet war, konnte aber in der schwarzen Dunkelheit nichts entdecken. Sie schien leer zu sein. Auf dem Platz hinter dem LWL befindet sich noch eine andere Skulptur, die ich schon von früher kannte, und ich fragte mich, ob Kiste und Tieflader wohl dafür bestimmt waren, diese Skulptur wegzuschaffen, um sie dann durch die aktuelle Ausstellungsskulptur zu ersetzen, auf die das neue Schild hinter dem Tieflader hinweisen sollte. Allerdings befand sich das Schild an der falschen Stelle des kleinen Platzes, und beide, die mir schon bekannte Skulptur und das Schild, schienen nichts miteinander zu tun zu haben.

Ich machte mich also frustriert wieder auf den Heimweg. Für den Donnerstag verzichtete ich auf weitere Skulpturbesichtigungen und besuchte stattdessen Freunde in Münster und in meinem Heimatdorf.

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