„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Glossar

In diesem Glossar werden die zentralen Begriffe, um die es in meinem Blog geht, erläutert. Es geht dabei nicht um allgemeingültige und in diesem Sinne vollständige Definitionen, sondern lediglich darum, wie ich diese Begriffe gebrauche. Und das ändert sich mit jedem Post und mit jedem Buch, das ich gerade bespreche.
(Detlef Zöllner)

Anachronismus:
Den ‚Ana-Chronismus‘ verstehe ich als eine Form der exzentrischen Positionalität. Im Nietzscheschen Sinne sind wir alle ‚unzeitgemäß‘: der Mensch ist aus der Zeit herausgefallen und lebt deshalb gleichermaßen in und außerhalb der Zeit. Deshalb gibt es auch keinen Fortschritt; jedenfalls nicht im anthropologischen Sinne. Der Mensch bleibt sich selbst immer gleich, nicht etwa weil er wie Tiere und Pflanzen auf eine bestimmte Natur festgelegt ist, sondern weil er mit jeder neuen Generation von vorne anfängt. Kein historischer Fortschritt, kein kultureller Bestand ist durch Institutionen und Gesetze gesichert. Jede neue Generation verfällt aufs Neue dem Barbarentum und muß sich selbst ihre Menschlichkeit mühsam erkämpfen.

Apperzeption:
Bewußtsein besteht letztlich in einer Spaltung. Diese Ur-Teilung besteht darin, sich selbst bei seinen Wahrnehmungen und Erlebnissen zusehen zu können. Wir sind uns selbst Subjekt und Objekt zugleich. Kant beschreibt das als die Notwendigkeit, allen unserenWahrnehmungen ein „Ich denke“ hinzuzufügen, wenn es unsere Wahrnehmungen sein sollen. Und das bezeichnet er als Apperzeption: als Hinzu-Wahrnehmung. Die Mystik der Apperzeption besteht also nicht in der Einswerdung mit sich selbst, also in einer Verschmelzung, sondern darin, neben sich zu stehen und in dieser Form ‚bei‘ sich zu sein.

Doppelaspektivität (Plessner):
Helmuth Plessner versteht unter Doppelaspektivität den Perspektivenwechsel zwischen Innen und Außen. Damit bringt er zum Ausdruck, daß wir es weder beim ‚Innen‘, etwa der Seele, noch beim ‚Außen‘, also naturwissenschaftlichen Objekten, mit Substanzen zu tun haben, sondern lediglich mit unterschiedlichen Perspektiven auf uns und die Welt. Diese Doppelaspektivität bildet eine Analogie zum Stoffwechsel, mit dem sich unser Organismus einen Teil der Welt aneignet, um ihn in veränderter Form auszuscheiden und so seine individuelle Gestalt zu erhalten. Auch auf geistiger und seelischer Ebene eignen wir uns Welt an und verändern auf diese Weise auch die Welt. Dabei gibt es ‚innen‘ nichts, das wesentlicher wäre als die Außenwelt, und es gibt ‚außen‘ nichts, das realitätshaltiger wäre, als die Innenwelt. Innen wie Außen sind nur Richtungen, in die wir blicken. Wir selbst befinden uns immer auf der Grenze.

Entwicklungslogiken:
Der Mensch bildet einen Anachronismus aus drei bzw. vier Entwicklungslinien mit ihren unterschiedlichen Logiken: die geologische und biologische Evolution, die kulturelle Evolution und die individuelle Biographie. Die geologische Evolution hat die Erde zu einem Planeten geformt, der Leben ermöglicht. Dieses Leben bildet eine kontinuierliche, durch ‚Vererbung‘ abgesicherte Entwicklungslinie. Die Diskontinuität der Artenbildung ist lediglich dem Aussterben von Zwischengliedern geschuldet. Die kulturelle Entwicklungslinie ist biologisch nicht abgesichert und deshalb diskontinuierlich. Initiationsriten und Pädagogik versuchen auf kultureller Ebene die Kontinuität zwischen den Generationen sicherzustellen. Beide Entwicklungslinien, die biologische und die kulturelle, ‚brechen‘ sich auf unterschiedliche Weise im Individuum und machen es zum Schlachtfeld zwischen biologischen Bedürfnissen und kulturellen Ansprüchen. So formt sich im Laufe seines Leben sein Schicksal und seine Freiheit.

Expressivität (Plessner):
Das grundlegende Prinzip des menschlichen Selbst- und Weltverhältnisses besteht darin, daß der Mensch sich vor sich selbst und vor anderen wie er selbst verständlich zu machen versucht. Das grundlegende Prinzip seiner Menschlichkeit ist die Expressivität. Expressivität, nicht Informationsvermittlung, ist das Prinzip seiner Sprachlichkeit. Die Grenze zwischen Innen und Außen verwandelt sich durch die Expressivität in die Grenze zwischen Meinen und Sagen. Bedeutung (Semantik) besteht deshalb nicht in der 1:1-Abbildung von Wörtern und Gegenständen bzw. Absichten, sondern in deren Nicht-Identität.
Was auch immer ich gemeint haben mag: sobald ich es ausspreche, verwandelt es sich in etwas anderes. Sprechen bildet deshalb einen Sinn-von-Sinn-Prozeß. Jedes gesprochene Wort erzeugt neuen, noch unausgesprochenen Sinn. Denn was wir ursprünglich gemeint hatten, der Zorn, die Sehnsucht, die Freude, die wir nicht in uns vergraben, so daß sie zu gären und zu zehren beginnen, sondern die wir aussprechen, verwandeln sich durch das Aussprechen in etwas anderes: Der Zorn ist kein Zorn mehr und sogar die Freude ist nicht einfach mehr Freude. Die Dynamik der Sinnbildung ist unabschließbar.

exzentrische Positionalität (Plessner):
Helmuth Plessner verbindet den Begriff der exzentrischen Positionalität mit dem Begriff des Körperleibs. So wie der Mensch ein Verhältnis zu sich selbst hat, in dem der Körper einen physisch-physiologischen Gegenstand bildet und zugleich einen beseelten Leib (Doppelaspektivität), befindet er sich auch der Welt gegenüber in einer exzentrischen Position: er befindet sich zugleich in ihrer Mitte und an ihrem Rand. Es ist die exzentrische Positionalität, die es ihm im Kantischen Sinne ermöglicht, jeder seiner Wahrnehmungen ein „Ich denke“ hinzuzufügen (Apperzeption) und auf diese Weise bei sich zu sein.

Falsifizierbarkeit:
Falsifizierbarkeit ist in den Naturwissenschaften ein sehr eng gefaßter Begriff. Falsifizierbar sind nur Experimente, also unter kontrollierten Laborbedingungen reproduzierbare Ereignisse. Die wesentlichen ‚Ereignisse‘, mit denen sich die Geisteswissenschaften befassen, sind hingegen nicht reproduzierbar, sondern singulär. Je weniger singulär und je reproduzierbarer sie sind, um so mehr fallen sie in den Zuständigkeitsbereich der Naturwissenschaften. Dennoch müssen auch die Erkenntnisse der Geisteswissenschaften ‚falsifizierbar‘ sein. Das bedeutet aber vor allem eins: sie müssen sich im Diskurs bewähren. Falsifizierbarkeit in den Geisteswissenschaften besteht in der Plausibilität der Argumente.

Gestaltwahrnehmung:
Die Gestaltwahrnehmung nimmt ihre Gegenstände als ein Ganzes aus Vordergrund und Hintergrund. Hintergründe fungieren dabei wie ‚Bilder‘, die man auf die verschiedenste Weise in Worte fassen (beschreiben) kann. Beim Beschreiben eines Bildes heben wir am Bild einen bestimmten ‚Vordergrund‘ hervor, d.h. wir ‚fokussieren‘ das Bild auf eine spezifische Weise, und damit unterscheiden wir uns von der Art und Weise, wie jemand anderes dasselbe Bild fokussieren würde. Hintergründe bilden in der realen Welt immer Situationen, in denen wir uns befinden und auf die wir auf individuelle Weise reagieren. Wir geben ihnen durch unser Handeln einen bestimmten, individuellen Sinn.
Die Gestalt eines lebenden Organismusses unterscheidet sich dabei noch dadurch von der Gestalt eines toten Gegenstandes, daß sie eine zeitliche Dimension hat. Organismen entwickeln sich in der Zeit und ihre Gestalt verändert sich dabei. Dennoch bleibt sie als individuelle Gestalt wiedererkennbar. Solche lebendigen Gestalten bezeichnet Plessner als Ganzes bzw. als Ganzheit. Einen toten Gegenstand kann man in seine Teile zerlegen, ohne daß er dadurch seine ‚Gestalt‘ verliert bzw. ohne daß sich seine Materie verändert. Ein lebendiges Ganzes, das man in seine ‚Teile‘ zerlegt, verliert dabei unwiderruflich seine Gestalt.

Interdisziplinarität:
Interdisziplinarität meint gemeinsame Projekte von unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen. Sie ist projektgebunden und zeitlich begrenzt. Darin unterscheidet sich Interdisziplinarität von Transdisziplinarität. Der Begriff der Interdisziplinarität macht nur Sinn, wenn sich die verschiedenen Disziplinen wechselseitig auf Augenhöhe begegnen. Es gibt keine disziplinäre Hierarchie in der Wissenschaft.

Intersubjektivität:
Ich unterscheide zwischen einer wissenschaftlichen, einer narrativen und einer kinästhetischen Intersubjektivität. Wissenschaftliche Intersubjektivität ist dadurch gekennzeichnet, daß sie mithilfe mathematischer Verfahren intersubjektiv identische Objekte konstruiert. So wird die subjektive Perspektivenvielfalt auf die Objekte zum Verschwinden gebracht. Narrative Intersubjektivität erzeugt Intersubjektivität durch das Erzählen von Geschichten. Geschichten leben von der Vielfalt der subjektiven Perspektiven, die sie ermöglichen. Kinästhetische Intersubjektivität bezieht sich auf die Vielfalt der sinnlichen Wahrnehmungen, die auf unseren verschiedenen Sinnesorganen beruht. So erfahren wir schon an unserem individuellen Körperleib, noch vor aller Kommunikation, die grundsätzliche Perspektivierbarkeit der Welt.

Lebenswelt (Husserl, Blumenberg):
Der von Husserl stammende Begriff der Lebenswelt überschneidet sich mit anderen Begriffen wie ‚Gestell‘, ‚Mythos‘, ‚Schwarmintelligenz‘, ‚Kultur‘ und ‚Intersubjektivität‘. Er hat mit diesen Begriffen gemeinsam, daß er eine kollektive Bewußtseinsform beschreibt. Die Lebenswelt bestimmt unser individuelles Denken, ohne daß wir uns dessen bewußt sind. Eigenständiges individuelles Denken ist immer nur zeitweilig, als bewußte Denkanstrengung möglich. In meinem Blog stelle ich die Lebenswelt in einen engen Zusammenhang mit der ‚Seele‘. Die ‚Seele‘ des Menschen ist nichts anderes als die Lebenswelt an der Grenze zur Bewußtwerdung, also im Übergang von einer kollektiven zu einer individuellen Bewußtseinsform.

Metapher (Blumenberg):
In Blumenbergs „Theorie der Unbegrifflichkeit“ bilden Metaphern die Keimzellen von Begriffen. Metaphern sind vage und ungenau, Begriffe sind präzise und widerspruchsfrei. Alle Begriffe waren ursprünglich mal Metaphern. Dann gibt es aber noch absolute Metaphern, die sich niemals in einen Begriff auflösen lassen, wie etwa das Wort ‚Buch‘ für die Welt oder für die Natur.
Für mich steht das Wort ‚Metapher‘ für das Verfahren der Analogiebildung und in diesem Sinne für das grundlegende Prinzip jeder Sprache. Wilhelm von Humboldt hatte einmal geschrieben, alles in der Sprache sei Analogie. Damit ist nicht nur das Verhältnis von Bezeichnung und Gegenstand gemeint. Es geht dabei vor allem auch um die Beschreibung geistiger und seelischer Zustände. Durch die Schaffung analogischer Beziehungen zwischen verschiedenen Bedeutungen werden neue Bedeutungen geschaffen. Aus dem Lachen eines geliebten Menschen und dem strahlenden Sonnenschein wird durch die Zusammenstellung in einem Satz oder in einem Vers ein neues Bewußtsein geschaffen und möglicherweise auch eine Verpflichtung und ein Schicksal.

Phänomenologie:
Phänomenologen befassen sich mit allem, was das subjektive Bewußtseinsleben betrifft. Jedermann kann Phänomenologe sein, gleichgültig welcher Herkunft, welchen Geschlechts und unabhängig von seiner Ausbildung. Es bedarf lediglich der Bereitschaft, sich des eigenen Verstandes zu bedienen und nichts zu glauben, was sich unserem Verstand entzieht, gleichgültig mit welcher Autorität das auch immer von uns verlangt werden mag. Es gibt keine Experten in Sachen man selbst sein. Der Laie hat hier das letzte Wort. Wissenschaftler und Päpste sind ihm gegenüber rechenschaftspflichtig.
‚Phänomene‘ sind Wahrnehmungen, Erlebnisse und Gedanken. Sie sind immer subjektiv, auch dort, wo sie intersubjektive Objektivität für sich beanspruchen. Sie sind immer das, als was sie uns erscheinen. Sie sind bloße Oberfläche. Sie zeigen sich und verbergen nichts. Es gibt kein verborgenes, transzendentes Wesen jenseits der Phänomene.

Rekursivität:
Der Begriff der Rekursivität, wie ich ihn in meinen Blog verwende, hat nichts mit rekursiven Algorithmen zu tun. Das deutsche Wort ‚Umgang‘ (Umlauf) gibt recht gut wieder, was ich unter Rekursivität verstehe. ‚Re-Kursivität‘, also Rück- bzw. Um-Gang steht in einem begrifflichen Gegensatz zur ‚Dis-Kursivität‘, was so viel wie ‚Auseinander-Gang‘, Lauf in verschiedene Richtungen bedeutet. Diskursivität setzt auf Dissens, nicht auf Konsens, wie Habermas und der gerade verstorbene Karl-Otto Apel meinen. So wie diese beiden Philosophen den Begriff des Diskurses verwenden, bildet er einen performativen Widerspruch.
Im Unterschied zum Diskurs bildet der ‚Umgang‘ einen ‚Kreisgang‘ vom Einen zum Anderen und zurück. Michael Tomasello bezeichnet damit die Fähigkeit des Menschen, sich in das Denken seiner Mitmenschen hineinzuversetzen und zu denken, was sie denken. Niklas Luhmann beschreibt denselben Sachverhalt in seiner Systemtheorie als Erwartungserwartung. Franz Fischer spricht vom „Sinn von Sinn“. Die rekursive Dynamik kann sich dabei über viele Bewußtseinsebenen erstrecken und sich in ihrer Logik in eine leere Unendlichkeit verlaufen: ich denke, daß Du denkst, daß ich denke, daß Du denkst usw.
Aber im wirklichen Leben ist die Rekursivität immer in unseren Wünschen und Absichten ‚geerdet‘. Es ist unser Begehren, das sie begrenzt.

Seele:
Was ich in meinem Blog unter ‚Seele‘ verstehe, ist keine unsterbliche Substanz, die im Gegensatz zu unserer Körperlichkeit steht. ‚Seele‘ ist vielmehr ein bestimmtes Verhalten auf der Grenze zwischen Innen und Außen. Sie ist weder innen, noch ist sie außen. Sie ist das Begehren, von einem Anderen wie sie, einem anderen ‚Ich‘, als ‚Du‘, verstanden zu werden. Zugleich aber ist sie die Furcht, durchschaut zu werden. Sie ist die Furcht, als etwas verstanden zu werden, was sie nicht ist, aber fürchtet zu sein. Helmuth Plessner bezeichnet die Seele als ein Noli-me-tangere. Er bezeichnet sie als ein „Geschöpf der Nacht“, das das Tageslicht scheut. So ist sie das Phänomen, das sich gleichzeitig zeigt und verbirgt und das sich zeigt, indem es sich verbirgt. Sie ist die zweifache Differenz zwischen dem Bewußtsein, dem Unbewußten und dem Unterbewußten. Kein Bewußtsein ohne Seele.

Strukturalismus:
Für den Strukturalisten sind die Strukturen wichtiger als die Phänomene. Die Phänomene bilden nur Teile bzw. ‚Knoten‘ einer Struktur. Die Phänomene sind nicht das, als was sie erscheinen, sondern sie erfüllen nur eine Funktion, und sie sind im Rahmen eines funktionierenden Ganzen, eben der Struktur, beliebig austauschbar und ersetzbar. (Das unterscheidet das Strukturganze vom Gestaltganzen. In einem Gestaltganzen sind die Teile nicht beliebig austauschbar und ersetzbar.) Es ist wie bei einem Rollenspiel: die ‚Masken‘, also die Phänomene, können von verschiedenen Spielern getragen werden, solange sie nur die mit der Maske verbundene Funktion im Rollenspiel erfüllen.
Die Regeln des jeweiligen Spiels sind klar definiert. Das Verhalten der Teilnehmer ist berechenbar. An die Stelle des individuellen Bewußtseins tritt der Algorithmus.

Transdisziplinarität:
Als Transdisziplinarität bezeichne ich die Verantwortung der Wissenschaft gegenüber den Laien. Die Wissenschaft hat ihren Sinn nicht in sich selbst. Innerdisziplinäre Objektivität ist nicht alles. Jede Disziplin muß ihre Forschungsergebnisse gegenüber den Laien vermitteln und rechtfertigen.

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